Ein Mann, der Autos sammelt, als wären sie Erinnerungen. Eine Tankstelle, die mehr Geschichten kennt als jeder Reiseführer. Wer Missouri entlang der Route 66 bereist, merkt schnell: Hier geht es nicht um Sehenswürdigkeiten, sondern um Begegnungen – und um Historie, immerhin wird die Mother Road 100 Jahre alt.
Guy Mace steht zwischen Chrom, Nostalgie und Geschichte, als wäre er selbst längst ein Teil davon geworden. Um ihn herum schimmern und glänzen Oldtimer, Muscle Cars, Rolls-Royces, ein DeLorean wie aus „Back to the Future“, ein „Ghostbusters“-Ecto-1, ein Batmobile.
Wahre Oldtimer-Liebe: Route 66 Car Museum
Über 75 Vintage-Schlitten hat der großgewachsene 84-Jährige in seinem Route 66 Car Museum in Springfield versammelt und ich muss laut auflachen, als er mit ernster Miene feststellt: „Als Autoexperte würde ich mich nicht bezeichnen. Ich weiß, wo man den Schlüssel in die Zündung steckt und wie man tankt. Aber das war’s auch schon.“

Reparatur, Ölwechsel, Lackierungen? „Kann ich nicht. Zum Glück habe ich den besten Mechaniker der gesamten Region im Team.“ Was Mace auch hat: Eine lebenslange Passion für die „Seele der Fahrzeuge“ sowie das nötige Kleingeld.
Ein Auto-Museum in Springfield war nie geplant
Unter anderem Miteigentümer von Baron Venture Capital LLC, war Mace nach seinem Militärdienst Ende der 1960er-Jahre mit dem Turbokompressoren-Unternehmen Turblex Inc. erfolgreich und verkaufte es 2007 an den Siemens-Konzern.
Das Route 66 Car Museum eröffnete er neun Jahre später in der ehemaligen Produktionshalle – hauptsächlich, weil ihm der Platz für seine Sammlung ausging und die fast 1900 Quadratmeter ohnehin leer standen.
Guy Mace: Die Begegnungen sind das Wichtige
„Ein Museum war nie mein Ziel. Ich begann Autos zu sammeln, die etwas in mir auslösten“, sagt Mace und streicht fast beiläufig über die geschwungene Linie eines knallroten Allard K2 von 1951. Heute freut er sich, wenn der Mix aus Chrom, alten Ledersitzen und Historie die Besucher begeistert. „Der Austausch mit Menschen aus aller Welt, die die Route 66 befahren, ist etwas Besonderes.“

Genau deshalb funktioniert sein Museum auch nicht über Schilder, Zahlen oder Audioguides, sondern über das Anfassen der Autos, dem Platznehmen – und vor allem über Gespräche. Mace streift meist selbst durch die langgezogene Halle, beantwortet Fragen und erzählt leidenschaftlich gern. „Jedes Stück in meiner Sammlung hat eine eigene Vergangenheit. Um die geht es mir.“
Springfield Auto-Museum: Geschichten über Geschichten
Wie der Horch, Baujahr 1936 – mit einem heutigen Wert von gut 1.5 Millionen Dollar das teuerste Stück der Kollektion. „Er entstand nach einem Zerwürfnis seines Schöpfers August Horch mit der Auto Union, einem Zusammenschluss mehrerer deutscher Automobilhersteller.“ „Um 1936 verkaufte er 50 Exemplare an die Wehrmacht. Das hier ist eines davon“, sagt Mace.

Der Legende nach wurde dieser spezifische Wagen 1941 oder 1942 von alliierten Streitkräften konfisziert und verbrachte den Rest des Krieges in deren Fuhrpark. Ein amerikanischer Offizier kaufte ihn, schiffte ihn nach Hause. Der Horch stand Jahrzehnte in Automuseen in St. Louis und North Dakota, bevor er in einer Garage verschwand. Mace entdeckte ihn auf einer Auktion in Branson.
Springfield: „Birthplace of Route 66“
Mace faszinieren nicht nur die Geschichten seiner Autos, sondern auch, das jedes ein anderes Fahrgefühl mit sich bringt. Mindestens ein Mal die Woche sucht er sich ein Exemplar für eine Spritztour aus: Jede seiner gewienerten Karossen ist zugelassen und versichert.

„Ich liebe die Route 66 und all die Gefühle und Erinnerungen, die sie in ihren hundert Jahren aufgesaugt hat. So viel Hoffnungen, so viel Freiheitsdrang, so viel Träume.“
Sein Museum, das wie ein lebendiges Archiv der amerikanischen Sehnsucht wirkt, passt perfekt nach Springfield, das sich mit dem Slogan „Birthplace of Route 66“ rühmt. „Das mag zunächst nach einer gewagten Behauptung klingen – schließlich beginnt die Route in Chicago und endet in Los Angeles“, sagt John Sellars. „Aber sie stimmt!“

„Springfield ist tatsächlich die Geburtsstätte der Route 66 – hier wurde nämlich ihr legendärer Name beschlossen“, erklärt Sellars, der seit seinem Ruhestand 2022 weiterhin im Museum Touren gibt. „Die Route 66 ist eine Passion, die nicht in Rente geht“, schüttelt Sellars den Kopf – schon gar nicht im Jahr ihres 100-jährigen Bestehens.
Ein geschichtsträchtiges Telegram
Der ehemalige Geschäftsführer des History Museum on the Square zeigt stolz auf ein eingerahmtes Telegramm im zweiten Stock des Gebäudes, dessen oberste Etage vollständig der bekannten Straße gewidmet ist.

Am 30. April 1926 saß eine Gruppe von Stadtplanern im Colonial Hotel und stritt über den Namen der neuen Überlandstraße von Chicago nach Los Angeles. „Route 60“ war der ursprüngliche Vorschlag, eine Nummer, die der Gouverneur von Kentucky aber für sich beanspruchte.
Von der „Route 60“ zur „Route 66“
Also sollte es „Route 62“ werden, was John T. Woodruff, Unternehmer aus Springfield, und Cyrus Avery, Vorsitzender der Oklahoma Highway Commission, „miserabel schrecklich“ fanden. Dann bemerkte Avery: Die Nummer 66 ist noch frei.

Vom Colonial Hotel schickten sie das entscheidende Telegramm nach Washington D.C.: Man würde „Sixty-Six“ akzeptieren. Anstelle von „Sixty-Two“. Am 11. November 1926 genehmigte der Landwirtschaftsminister die Streckenführung und damit das offizielle Geburtsdatum des U.S. Highway 66.
Die „Mother Road“ feiert 100ten Geburtstag
Zwölf Jahre später, 1938, war sie fertig: 3.940 Kilometer, acht Bundesstaaten – und wurde zur Straße, die Amerika veränderte. John Steinbeck nannte sie in seinem Roman „Früchte des Zorns“ die „Mother Road“, weil sie den Menschen, die durch die Weltwirtschaftskrise und die Dust-Bowl-Jahre vertrieben wurden, als Fluchtweg nach Westen diente.

Chuck Berry sang von ihr. Ganze Generationen pilgerten auf ihr ins Unbekannte, mit nichts als einem Tank voll Benzin und der Hoffnung auf etwas Besseres. „In ihrem Jubiläumsjahr wird sie gefeiert und sicher von Tausenden Fans abgefahren“, sagt Sellars – und hebt sofort den Zeigefinder: „Was vielen aber erst nach der Hälfte der Strecke auffällt: Als einzelne, durchgängige Straße gibt es sie nicht mehr. Durch Springfield führt sie aber.“
Springfield: Nicht nur was für Route 66-Fans
Dabei dreht sich in Springfield nicht alles nur um den historischen Asphalt. Auf einem Plateau der Ozark Mountains gelegen, umgeben von sanften grünen Hügeln, gilt die Stadt auch als „Queen City of the Ozarks“. Rund 170.000 Einwohner, drei Colleges, eine Universität, eine überraschend internationale Restaurantszene und eine lebendige Innenstadt zeigen, dass das einstige Zwischenstopp-Dasein längst Geschichte ist.


Ein Highlight: Das Wonders of Wildlife National Museum & Aquarium mit seinem 1,5-Millionen-Gallonen-Aquarium, in dem sich 35.000 Fische, sowie Haie und Rochen tummeln.
Unmittelbar daneben breitet sich Bass Pro Shops Outdoor World aus. Der riesige 350.000-Quadratmeter-Komplex, den Naturschützer Johnny Morris – ein geborener Springfielder – gegründet hat, ist mehr als nur ein Shoppinghimmel für Outdoorfans. Sechs kostenlose Museen sind darin untergebracht, darunter das Motorsports Museum sowie die Archery Hall of Fame.

Abenteuerliche Exkursionen führen aber auch unter die Erde, immerhin ist Missouri „The Cave State“: Im Bundesstaat gibt es über 7.500 bekannte Höhlen, 18 davon sind für Besichtigungen geöffnet, fünf davon in oder um Springfield.
Springfields spannende Höhlen
Die Fantastic Caverns bieten die einzige Höhlentour des Landes, die man mit einem Fahrzeug befahren kann. Per Jeep-Tram geht es 55 Minuten lang durch feuchte Kalksteinhallen, die 1862 entdeckt wurden.

Oberhalb der Erde arbeitet Springfield an seinem modernen, stylischen Outfit – mit Streetart, Farmer´s Markets und schicken kleinen Designer-Geschäften. Vor allem entlang Commercial Street, auch „C Street“ genannt, im wiederbelebten Historischen Viertel lässt es sich gut shoppen und vor allem bestens essen.
Lokale Szene: Bier, Wein, Kaffee und Cashew Chicken
Im Café Cusco gibt es peruanische und lateinamerikanische Küche sowie kreative Cocktails in einem wunderschön restaurierten Gebäude. Den aromatischen Espresso riecht man schon lange, bevor man das Schild zu Big Momma’s sieht. Und Chabom ist ein Wunderland für Tee- und Gewürzfans.

Abends ist die Springfield Brewing Company ein Hotspot: Im riesigen, verwinkelten Brauhaus findet man immer irgendwo einen Platz und ganz sicher ein neues Lieblingsbier – sowie eine extrem leckere Version des „Springfield Cashew Chicken“: Knusprig frittierte Hähnchenstücke, überzogen von einer dunklen Soja-Soße und gerösteten, gesalzenen Cashew-Hälften.
Roadtrip auf der Mother Road
Auch wenn ich nicht in einem von Guy Maces Oldtimern unterwegs bin – schön wär´s – die Landschaft rund um Springfield lädt zum Cruisen und nicht zum Rasen ein. Maces Tipp folgend fahre ich auf der historischen Straße Richtung Westen, vorbei an alten Neonschildern und Farmen mit weitläufigen Feldern.
Was ihr an epischer Weite einer Arizona-Szenerie fehlt, macht die Route 66 hier mit Bodenständigkeit, stiller Americana und persönlichen Geschichten wett. Gary’s Gay Parita taucht rund 30 Minuten später an der Abzweigung in Ash Grove auf und wirkt auf den ersten Blick wie eine eingefrorene Szene aus den 1950ern, den Heydays der Route 66.

Eine echte Sinclair Service Station mit grünem Dinosaurier, historische Schilder, alte Pick-ups – und mittendrin Barb Turner Barnes, die mir erstmal ein Stück gekühlte Wassermelone überreicht und dann auf ein gelbes Sofakissen auf der Veranda zeigt.
Roadtrip auf der Route 66: Gary’s Gay Parita
Man kann versuchen, Gary’s Gay Parita in 15 Minuten abzuhaken. Man wird scheitern und das ist gut so. Denn ihre Geschichte ist so verschachtelt und eigenwillig wie die Menschen, die sie geprägt haben – und „Barb“ erzählt sie mit Leidenschaft.
1926 öffnete Fred Mason die Sinclair-Tankstelle, die er nach seiner Frau Gay benannte und um das Wort „Parita“ ergänzte. „Das sagt wohl viel über seine Einstellung aus“, freut sich Barb: „Gay war nicht nur Namensgeberin, sondern seine Geschäftspartnerin – ‚Parita‘ bedeutet auf Spanisch ‚Gleichheit‘. Erfrischend, oder? Vor allem für die Zeit!“

Die Tankstelle war Teil des kleinen Straßenkomplexes Camp Gay Parita, zu dem einst drei Gästehütten gehörten. Sie überstand zwei Brände und mehrere Besitzerwechsel, bevor sie 1955 endgültig abbrannte.
Eine Lebengeschichte, eng verknüpft mit Route 66
Jahrzehnte später kaufte Gary G. Turner das Grundstück. 1944 in Abesville, Missouri, als ältestes Kind einer Familie von Saisonarbeitern, geboren, lernte er Amerika auf der Route 66 vom Autorücksitz kennen.

„Meine Großeltern reisten mit ihm von Missouri nach Südkalifornien, um Kirschen, Erdbeeren und Mandeln zu pflücken. ‚Wir waren schlimmer als arm‘, hat mein Vater immer gesagt“, erinnert sich Barb, Garys jüngste Tochter. „Aber die Route 66 blieb für ihn der Weg nach Hause. Dann wurde sie sein Zuhause.“
Reisende aus aller Welt
2005 baute er mit seinem Bruder Steve und seinem Cousin Stevie auf dem Gelände eine originalgetreue Nachbildung der alten Sinclair-Tankstelle. Was als Männerhöhle und Route-66-Outpost im Ruhestand geplant war, wurde oft zu 16-Stunden-Tagen. Gary und seine Frau Lena hießen Reisende aus aller Welt willkommen – mit einem Stück frisch aufgeschnittener Wassermelone, Kaffee oder Limo. Kostenlos. Einfach so.


„Noch heute kommen Menschen zurück und erzählen mir, dass meine Eltern vor vielen Jahren ein Highlight auf ihrem Roadtrip waren“, sagt Barb. Als Gary und Lena 2015 in vier Monaten Abstand starben, stand die Tankstelle ein Jahr lang leer.
Lebensentscheidung zur Rettung der Route 66-Ikone
Das Gras wuchs. Vandalen begannen, die antiken Schilder zu stehlen. Nach dem Anruf eines befreundeten Reiseveranstalters, der das Verkommen des einstigen Route-66-Stopps betrauerte, traf Barb eine Entscheidung.

Sie hängte ihre 23-jährige Karriere als Theatermanagerin in Charleston, South Carolina, an den Nagel, packte alles ein und fuhr mit ihrem Partner George Bowick gut 1600 Kilometer nach Missouri. Seitdem kümmert sich das Paar um die Anlage, auf der auch ein Schwein, zwei Gänse und vier Enten ihr Zuhause gefunden haben.
„Vor allem aber halten wir die Erinnerung an Gary und Lena, an Fred und Gay, an all die Menschen, die die Route 66 lieben, lebendig“, sagt Barb. „Und das beginnt mit einem Stück kalter Wassermelone.“
Lust auf weitere Roadtrips? Wie wär´s mit Minnesota oder gar einer Zeitreise mit dem T2?

Info Springfield, Missouri
Unterkunft
Mit seiner Mischung aus lässigem Luxus und lokalem Charme hat sich das Hotel Vandivort auch bei Einheimischen zum Top-Spot entwickelt – am Abend trifft man sich hier für einen Cocktail auf der Dachterrassenbar „Vantage“ mit Blick auf die Stadt. Die hellen, geräumigen Zimmer sind auf zwei Gebäude verteilt: dem neuen „V2“ und dem „Historic“, das einst als Freimaurertempel diente. Ab $ 150/Nacht, hotelvandivort.com


Eine Gorrilla-Statue am Check-in – der gleichzeitig auch eine Bar ist – Trompeten-Kunstwerke und Lichtinstallationen in der Lounge: Das Moxy Springfield Downtown lebt von witzigen und ungewöhnlichen Designideen. Auch wenn die Zimmer klein sind, fühlen sie sich nicht beengend an. Wenige Minuten entfernt von Bars, Kunstgalerien, Live-Musik, Comedy-Clubs und Restaurants. Ab $ 150/Nacht, marriott.com


Wer einen Hauch mehr Mother-Road-Flair möchte: Das Best Western Route 66 Rail Haven ist ein klassisches Retro-Motel ohne Schnick-Schnack. Bis auf die Jacuzzi King-Suite – die hat nicht nur eine Whirlpoolbadewanne, sondern als Bett-Ende einen pinkfarbenen Oldtimer. Schräg, aber passend zur Route 66. Ab $75/Nacht, bestwestern.com
Frühstück in American-Diner-Atmo
Gegenüber vom Hotel Vandivort: In Gailey’s Breakfast Café wird seit 1942 ganz klassisch Bacon, Pancakes und Rührei serviert. Heute gibt es zudem zig weitere Optionen wie Eggs Benedict, Breakfast Mac n´Cheese oder Biscuits & Gravy. gaileysbreakfast.com
Ausflug Finley Farms

Nicht auf der Route 66, aber nur 25 Minuten südlich von Springfield Richtung Branson: Auf dem weitläufigen Gelände von Finley Farms lässt sich rund um die liebevoll restaurierte Ozark Mill, einst eine der letzten kommerziell betriebenen Wassermühlen Missouris, gut ein ganzer Tag verbringen.
Geprägt von der Vision des Naturschützers Johnny Morris und weitergeführt von seiner Tochter Megan Stack, ist Finley Farms bis heute ein generationenübergreifendes Familienprojekt.


Führungen zeigen die Geschichte der Mühle, die mehrere Brände überstanden hat. Im Café und Workshop werden regelmäßig Koch-, Back- oder Garten-Kurse angeboten. Die angeschlossene Urban Farm sorgt für frische, biologische Zutaten, die direkt in den Küchen der drei Restaurants verarbeitet werden. Unbedingt am Abend im Garrison im Gewölbe der Ozark Mill einen Tisch reservieren: Cocktails wie der „The Turbine“ (Guajillo, schwarzer Sesam, Tequila, Aloe, Passionsfrucht, Chamoy) sind ungewöhnlich und spektakulär. Das Essen mit Highlights wie Bison-Tartar, Hirsch an Pilzragout oder geschmorten Rinderbacken ist deftig.
Web-Infos

Manuela Imre
Die Journalistin und Autorin reist seit über 20 Jahren in riesige Städte, kleine Dörfer, tiefe Dschungel, weite Wüsten oder auch auf hohe Gebirgsketten: überall dorthin, wo spannende Geschichten, leckere lokale Gerichte und freundliche Einheimische warten. Ansonsten pendelt sie zwischen New York und Toronto und entdeckt neue Wanderwege in den kanadischen Wäldern.
