Viele Bergfans hegen den Traum, einmal im Leben einen Viertausender zu besteigen. Nur welchen? Technisch vergleichsweise leicht ist das Bishorn im Wallis. Dass so eine Zwei-Tage-Tour samt Gletscherquerung jedoch kein Kinderspiel ist, hat unser Autor selbst erfahren.
Ihr wollt also auf den Frauen-Dom?“, will die Mitarbeiterin des Zinaler Sportgeschäfts wissen. Gegenfrage: Was ist der Frauen-Dom? Kennen wir nur aus unserer Heimatstadt München, lernen aber, dass so auch das 4.153 Meter hohe Bishorn – „Ja, da wollen wir hin!“ – genannt wird. Der Grund: Zum einen könne man vom Gipfel auf den nochmal 400 Meter höheren Nachbarn namens Dom blicken und zum anderen würde der Berg aufgrund seines technisch unkomplizierten Normalwegs auch als „Damen-Viertausender“ bezeichnet. Aha.

Nun sind wir drei Brüder, ergo keine Damen, aber das von einer Dame, Elizabeth Burnaby, 1884 erstbestiegene Bishorn hat es uns angetan. Der Antrieb: einmal einen Viertausender besteigen, wenngleich dieser – schließlich sind wir zwar bergerfahren, aber keine Cracks – nicht allzu schwierig sein sollte. Und mit diesem Profil bleibt von den 82 Alpengipfeln über 4.000 Meter nur eine Handvoll übrig.
Bishorn, ein „L“ auf der Hochtourenskala
Wem es nur auf die Höhe ankommt, kann beim Breithorn und dem Allalinhorn den Großteil mit der Gondel zurücklegen, lauffreudigen Puristen bleiben neben dem Grand Paradiso in Italien nur noch drei, vier Alternativen im Wallis. Darunter eben das auf der SAC-Hochtourenskala als leicht und mit F/I, also Firn/Gletscher bis Grad 1, eingestufte Bishorn. Mit anderen Worten: Es erfordert kein allzu großes technisches Können, wohl aber sehr gute Ausdauer und Grundkondition. Der „Frauen-Dom“ klingt für uns also nach einem perfekten Match!

Nachdem uns die Sportshop-Dame Steigeisen und Klettergurte ausgehändigt hat, geht es los. Am Start sind Wanderstöcke, Trinkwasser, Kappe und vor allem ein Plan, wo es aus dem auf 1.670 Meter am Ende des Val d’Anniviers gelegenen Dorf hinaus oder besser hinauf geht. Voilà, schon kurz nach der urigen Häuserpassage, die ebenso gut ein Freilichtmuseum sein könnte, steht das Einstiegsschild zur Cabane de Tracuit.
Herausragend schön, die „Kaiserkrone“
Wie lange es zu der vom Schweizer Alpen-Club SAC betriebenen Hütte dauern wird? Knapp fünf Stunden heißt es meist, „schafft ihr in vier!“, meinte der Rezeptionist im „Hotel Europe“, in dem wir uns nach der achtstündigen Zug- und Bus-Anreise akklimatisiert haben. Ob er unserem Trio – zwei in den Vierzigern, einer Anfang 50 – eine schnellere Gangart zutraut? Fakt ist: Die erste Etappe kriegen wir gut hin, Kehre um Kehre geht es im Wald bergauf, vorbei an der Wandergruppe, die wohl beim Campingplatz am Fluss Navisence gestartet ist.

Beides wird mit aufsteigender Höhe immer kleiner, die Bergwelt dafür immer gewaltiger. Hier versammeln sich einige der höchsten Alpengipfel, vom Dent Blanche bis zum Obergabelhorn – herausragend schön! Angesichts des kranzförmigen Panoramas aus majestätischen Viertausendern versteht man, warum hier von der „Kaiserkrone“ die Rede ist.
Den Mini-Gipfel nehmen wir mal mit …
Wie wäre es mit einem Abstecher zum Roc de la Vache? Aber ja! Dazu hüpfen wir über einen Gebirgsfluss und steigen weitere 20 Minuten auf, bevor am Gipfelkreuz die Brotzeit ausgepackt wird. Die ersten 900 Höhenmeter sind geschafft, auf zu den nächsten 700! Wobei die auf 3.256 Meter gelegene Tracuit oberhalb des von eindrücklichen Wänden und Bergspitzen eingerahmten Kessels schon von Weitem ersichtlich ist.




Die Latschen längst hinter uns, wird auch der Wiesenanteil immer weniger, dafür der Bergpfad zunehmend gerölliger und steiler, bis kurz vor der am Steilhang thronenden Hütte eine Kletterpassage gar den Einsatz der Hände erfordert. Leichter Puls, aber gut machbar.




Da schmecken der Kuchen und die sechs Franken teure Coke, die wir auf Europaletten-Sofas vor der mit bodentiefen Fenstern versehenen und mit Edelstahl verkleideten Hütte zu uns nehmen, umso besser. Weil: Tagesziel erreicht, in, lässt man den Abstecher weg, viereinhalb Stunden. Zeit, um das Panorama zu genießen. Auf der einen Seite Zinalrothorn und Co., auf der anderen der Turtmanngletscher, der sich an die breite, weiße Flanke des Bishorn anschließt. Dort geht es morgen rauf!

Jetzt aber erstmal in der 2013 neu erbauten Hütte einchecken. Selbst an diesem Juli-Montag sind alle 120 Betten belegt, wow. Dank des seit Tagen stabilen Wetters sind vermutlich noch Spontangäste dazugekommen. „Die Wochenenden sind aber lange im Voraus ausgebucht“, sagt das Hüttenteam, die Saison reicht ja nur von Ende Juni bis Mitte September. Wobei wir von Arnaud Perriard, unserem Guide, erfahren, dass die Wintersaison länger ist.
Das Bishorn lockt rund ums Jahr
„Man kann vom Bishorn mit Tourenski abfahren, in der Regel bis Mitte Mai.“ Was wir von dem Walliser, der wie fast alle hier Französisch und Englisch, aber quasi kein Deutsch spricht, auch erfahren: Der Endzwanziger hat aus Zinal schlappe 2,5 Stunden hier herauf gebraucht. Respekt!

Zum Abendessen werden alle via Namensschilder den langen Tischen zugeordnet. So kommen die Leute ins Gespräch. Leute, das sind Paare, Freundesgruppen, Familien mit Kindern. Damenanteil? Vielleicht 25 Prozent. Die vier Guides jedenfalls sind alle männlich. Ob es überhaupt einen braucht? Die meisten, die wir im Vorfeld (und auch auf der Hütte) treffen, meinen: Unbedingt! In jedem Fall braucht es Seile, Steigeisen, Kondition und einen Plan, wie es über den Gletscher geht.
Früh aufstehen gegen den drohenden Sulz
Der Gletscher. Klar war auch er mal viel gewaltiger, doch 2026 sorgen die Hitzeperioden für ein nochmals schnelleres Schmelzen. Was auch das Hüttenprozedere verändert. So wurde das Frühstück für die Bishorn-Gänger vorverlegt, auf vier Uhr. Arnaud erklärt: „Sonst wird es beim Abstieg zu sulzig, was das Risiko erhöht, dass Schneebrücken über Gletscherspalten eher brechen können.“

Den Wecker also auf halb vier gestellt. Uff, das ist früh, zumal das Einschlafen trotz Zapfenstreich um 22 Uhr schwer fällt. Immerhin sind, was durchaus vorkommt, keine höhenbedingten Kopfschmerzen zu beklagen. Schmerzlich ist das Aufschrecken aus dem Tiefschlaf dennoch. Trotz Vorbereitung ist das Packen im dunklen Zwölferzimmer eine Qual. Man will ja die Weiterschlafenden nicht wecken.




Hunger? Kaum ausgeprägt, aber immerhin geht eine Scheibe Brot, etwas Müsli, Kaffee. Dann machen sich rund 60 Leute mehr oder weniger gleichzeitig fertig. Wenig Gesprächig-, aber große Geschäftigkeit. Unsere Vierseilschaft trifft sich draußen im Dunkeln. Tee wird gezapft, Handschuhe und Mütze werden angezogen, und dann geht es hinter Arnaud her, die Stirnlampen auf seine Fersen geheftet.
„Nicht mit den Zacken ins Seil!“
Schweigend ziehen wir übers Geröll, bis wir schon bald den „Kettenanlegeplatz“ erreichen. Wir montieren, wie am Vorabend geübt, die Steigeisen unter die Wanderstiefel. Die Klettergurte schon an, hängt Arnaud uns nun ans Seil, immer mit etwa fünf Meter Abstand. Seine Ansage: „Das Seil leicht am Boden schleifen lassen. Nicht zu nah aneinander, weil man sich sonst beim Gehen mit den Zacken verheddert, und nicht zu weit, weil man dann den anderen zieht.“ Falls einer in eine Gletscherspalte fiele, können ihn die anderen jedoch halten.

Dass damit nicht nur größere Risse gemeint sind, über die man beherzt einen Schritt macht, sondern auch versteckte, erfahre ich am eigenen Leib, als ich plötzlich bis zur Hüfte einsacke. Auch der Hochstemmgriff sorgt für nachlassenden Schnee. Beim zweiten Versuch kann ich mich wieder hinsetzen, wobei ich erst jetzt merke, dass ich beim Blick in das sich aufgetane Loch keinen Boden seh. Schluck.
Achtung, Spalten-Labyrinth!
Ein anderes Mal geht es in einem Bogen um einen Spalt herum, wobei sich das zu lockere Seil an einer Eiszacke verheddert. Das drohende Problem versuche ich durch Rückwärtsgehen zu entschärfen. Doch dabei falle ich hin und aus der Rucksackseitentasche kullert die Flasche fast in den Schlund. Was genau schlummert da eigentlich unter uns?



Eine unterirdische Kathedrale, ein Ganglabyrinth oder einfach eine dünne Eisschicht über Gestein? Jedenfalls hört man ab und an Wasser rauschen, sieht changierende Eisfarben. Wir lernen: Am besten ist dunkelgrau, weil hart und sicher. Obacht hingegen bei Weiß! Weil Schneebrücken Einsturzgefahr bedeuten.
Schritt für Schritt durch die Flanke
Dass die hochalpinen Lagen 2026 besonders leiden, war schon am Vortag in aller Munde. Auf die nahen Berge Matterhorn und Montblanc gehen die Guides gar nicht mehr, von wegen Bergrutschgefahr. Da ist das Bishorn noch relativ sicher. Also geht es Schritt für Schritt weiter in der nun festen, aber zunehmend steileren Flanke. 900 Höhenmeter sind es von der Hütte über den Ostgrat zum Gipfel, aber in dieser Höhe und nach dieser Nacht ist das nicht ohne.

Die aufgehende Sonne und der Blick in die Bergwelt entschädigen. Wobei die aus dem Matter Tal kommenden Wolken schon duster wirken. Nach einer Weile – wir sind schon drei Stunden unterwegs und nur noch 100 Höhenmeter unterm Gipfel – ertönt plötzlich ein Donner und ein Blitz durchzuckt uns. He, ein Gewitter hat offenbar gedreht. Zeit zum Umdrehen! Das sieht nicht nur Arnaud so, sondern auch die anderen Seilschaften. Alle machen kehrt, und Tempo. Für Beschleunigung sorgt, dass es zu graupeln beginnt und die Sicht plötzlich weg ist. Gut, dass uns Arnaud lotst.

Wobei sich die Wettersituation noch vor Erreichen der Hütte wieder entspannt. Dort lecken wir unsere mentalen Wunden. Klar wären wir gern oben gestanden, hätten die Aussicht über Dom, Dufourspitze und den Grat zum Weisshorn genossen, aber wir trösten uns damit, dass wir über 4000 Meter waren. Was Arnaud ebenfalls bescheinigt: „Die letzten Höhenmeter samt leichter Kletterpassage hättet ihr locker geschafft.“

Aber so ist es nun mal: Eine Garantie auf passendes Wetter gibt es in den Bergen nicht, da kann die Vorhersage noch so gut sein. Außerdem geht es ja um das gemeinsame Naturerlebnis an, das wir nicht zuletzt durch den folgenden Abstieg, nun wieder bei Topwetter, erleben.
Nach einem Nickerchen am Bergfluss haben wir sogar so viel Energie, dass wir uns für die längere Rückwegvariante entscheiden. So kommen wir noch am wunderschönen Arpitettaz-Bergsee vorbei, fein. Doch als wir um 16 Uhr nach 40.000 Tagesschritten das Hotel Europe erreichen, ist auch klar: Heute geht es höchstens noch ins Jacuzzi und in die Bar nebenan …
Fotos: © Christian Haas
Lust auf weitere Schweiz-Abenteuer? Wie wäre es mit einem Zwei-Tage-Höhlentrekking im Hölloch – oder einer winterlichen Bahnreise zum Matterhorn?
Auf zum Bishorn
Infos Val d’Anniviers
Office de Tourisme de Zinal, Route des Cinq 4000 14, CH-3961 Zinal, valdanniviers.ch/de; Schweiz Tourismus: myswitzerland.com
Bergführerbüro Anniviers: info@guides-anniviers.ch, valdanniviers.ch/de/Z28531/bergfuhrerburo-anniviers
Cabane de Tracuit, für Nicht-SAC-Mitglieder etwa 120 Euro pro Nacht mit Halbpension, tracuit.ch

Vier Tipps für die Viertausender-Premiere
1. Ausreichende Kondition aufbauen! Sie ist das A und O. Im Vorfeld also die eine oder andere Bergtour machen, 1.000 Höhenmeter sollten dabei problemlos zu schaffen sein. Trittsicherheit gehört auch zu den wichtigen Tugenden.
2. Viel trinken! Durch die Höhe und die trockene Luft verbraucht man viel Flüssigkeit, von der körperlichen Anstrengung ganz zu schweigen. Viel trinken hilft auch, um Kopfweh und Schwindel vorzubeugen.

3. Langsam und gleichmäßig gehen. Gerade in der Höhe ist ein kontinuierliches Tempo angenehmer und letztlich zielführender.
4. Optional vorab einen Gletscher- oder Hochtourenkurs besuchen, zum Beispiel bei einer Sektion des Deutschen Alpenvereins. Dort lernt man die Basics von der Sicherungstechnik, über das Gehen mit Steigeisen bis hin zur Spaltenbergung. Wenn man über den Gletscher geht, ist es beruhigend zu wissen, dass man sich selber befreien kann, sollte man in eine der vielen Spalten fallen.

