In Irland ist Live-Musik allgegenwärtig. Doch wie ist es, als deutsche Freizeit-Rockband durch die Lande und die Pubs zu ziehen? Wir haben es ausprobiert – und waren begeistert.
Sind Schnapsideen prinzipiell gut oder schlecht? Nun, beides kann zutreffen. In unserem Fall ist es Ersteres und der Beweis dafür, dass die besten Entscheidungen nicht immer vom Verstand getroffen werden. So wie nach einem unserer Konzerte in einer Münchner Bar. Da stießen wir – vier Freunde, die seit einigen Jahren unter dem Namen „Night Owls“ hobbymäßig Rockmusik covern – bei einem irischen Whiskey auf den gelungenen Auftritt an und im Überschwang dann auf den Plan, bald wieder vor Publikum zu spielen. Prost!


Eine Runde später: Warum eigentlich nicht in Irland, schließlich ist dort die Musikszene legendär? Genau, cheers! Beschwingt durch das konzertbedingt freigesetzte Adrenalin plus Alkohol dann der Gipfel: Wie wäre es mit einer ganzen Pubtour? Inklusive Schlagzeug, E-Gitarren, E-Bass, Anlage. Volles Programm, volle Woche. Wir, die Night Owls, auf Irland-Tournee!

Es folgte: ein gewisser Kater. Nicht nur am Tag danach, sondern auch in den nächsten Wochen. Eine Agentur zu engagieren (siehe unten) schien uns zu ambitioniert und zu teuer, doch selbst Kontakt mit den Pubs zu knüpfen war schwieriger als gedacht. Die allermeisten Mails blieben unbeantwortet und wenn es Reaktionen gab, dann auch Ernüchterung. „Ihr spielt verstärkt? Sorry, zu laut für uns.“ Oder: „In drei Monaten? Da seid ihr zu spät dran, das Programm steht schon das ganze Jahr.“ Oder: „In drei Monaten? Da seid ihr zu früh dran, das Programm machen wir immer recht spontan.“
Sind wir naiv oder mutig?
War’s das also schon wieder mit dem Traum, in Irland aufzutreten? Jener Insel, wo es nicht nur überdurchschnittlich viele Pubs gibt – im Jahr 2026 sind trotz sinkender Zahlen immer noch rund 6.500 lizenzierte Kneipen registriert –, sondern vor allem überdurchschnittlich viel Musik. Dazu muss man wissen: Diese findet zu großem Teil in eben jenen Pubs statt, nicht selten heißt es „Live music 7 days a week“.

Fakt ist: Die Iren singen um ihr Leben gern, gefühlt kann jeder und jede irgendein Instrument, sei es Gitarre, Banjo, Fiddle oder die Uilleann Pipes. Und nicht zufällig hat das gerade einmal fünf Millionen Einwohner zählende Irland schon sieben Mal den ESC gewonnen – Rekord. Auch interessant: Die Live-Musik-Range reicht vom covernden Solo-Musiker bis hin zu Trad-Musikern, die gern unprätentiös in einer Ecke des Pubs spielen und auch offen sind für fremde Gäste.

Nur: Dieser ur-irische Style kam für uns nicht in Frage. Wir lieben’s größer, lauter, rockiger. Dass das womöglich doch Chancen hätte, insbesondere wenn wir pro bono, also ohne Honorar, aufspielen, bestätigt uns Darragh Ó Ciarba. Ein offener, lustiger und kommunikativer Ire Anfang 40, den wir während der ITB in Berlin kennenlernen. Bei einer Whiskeyverkostung. Kurz, die nächste Schnapsidee, die zündet. Denn es stellt sich heraus, dass er nicht nur das Projekt „Mittelalte und mittelgute Coverband aus Deutschland tourt durch Irland“ gut findet, sondern auch Kontakte zu Pubbesitzern auf der ganzen Insel pflegt.

Wie das? Als Geschäftsführer von Groopeze, bei dem online Gruppenreisen und Aktivitäten gebucht werden können, ist er bestens im Land vernetzt. Jackpot! Persönliche Empfehlungen sind doch immer noch der beste Türöffner. Und nach einigen Überlegungen, Zu- und auch wieder Absagen, Terminierungs-, Transport-, Setlist- und Technikfragen steht er: der Tourplan. Vier Auftritte in vier Städten, von Galway über Limerick und Kilkenny bis Wexford. Bämm!
Musik ist überall
Die Definition von Schnapsidee wurde ja bereits geklärt. Die von Abenteuer geht ungefähr so: „Ein Abenteuer ist der Mut, die Komfortzone zu verlassen und sich auf das Unerwartete einzulassen.“ Oder „eine Reise ins Unbekannte, bei der der Weg oft wichtiger ist als das Ziel.“ So oder so passt unsere Unternehmung astrein in diese Kategorie, weil: Wir verlassen eindeutig die Komfortzone und sind in den Wochen vor der Abfahrt alles, von euphorisch bis zweifelnd.




Reicht unser Niveau? Reichen die Sprachkenntnisse? Reicht unser Repertoire? Und ganz konkret: Soll U2 auf die Setlist oder nicht? Was Deutsches? Was Sanftes? Und zuletzt: Schafft es der fast 30 Jahre alte VW-Bus, der schon lange nicht mehr 3.500 Kilometer am Stück gefahren ist. So viele werden es in Summe, allein 1.200 Kilometer und zwei Tage macht die Fahrt von München nach Cherbourg. Dort in der Normandie geht es mit dem vollbepackten „Owlie“ – in der Minitoilette stapeln sich Trommeln und Kabeltaschen, im Gang Verstärker, im Alkoven die Gepäckstücke – auf die Fähre. 19 Stunden Überfahrt, dann rollen wir auf die Insel.

Der Plan: ankommen, reinkommen. In den Musikkosmos Irland. Dublin am Wochenende macht da ebenso Laune wie Druck. Weil: Viele Pubs sind richtig voll, viele Bands richtig gut. Fakt ist: Auf uns als Band wird niemand warten. Wohl aber der erste Termin zwei Tage später in Galway. Ist zwar kleiner als die Hauptstadt, gilt aber als Hauptstadt der Musik.



Merkt man an den Straßenmusikern, beim Besuch im „The Kings Head“(„Macht die Band die überhaupt einen einzigen Fehler?“) oder bei der Trad Session im „Tig Chóilí“ („Stark: dieser typisch irische Fiddle-Sound!“). Oder im herrlich verwinkelten „The Skeff“, wo selbst an einem Sonntag um 23 Uhr nochmal ein neues Trio für Begeisterung sorgt. Kurz: Es ist unmöglich, hier nicht mit Live-Musik zu tun zu haben.
Erste Erfolge in Galway und Limerick
Beispiel „An Púcán“. In dem ehrwürdigen Pub mit großem Biergarten und dem „größten Outdoor Screen an der Westküste Irlands“, treten an jenem Montag nicht nur wir auf, sondern noch zwei (!) weitere Combos. An einem Montag!!


„Keine Sorge“, beschwichtigt Brandon, der uns als Techniker zur Seite steht und abmischt, „dank der Zwischentüren könnt ihr problemlos parallel spielen“. Und das tun wir, gut eineinviertel Stunden. Das Publikum ist zwar überschaubar, aber angetan. Klatscht – und bleibt. Und wir: Sind klatschnass und beschwingt. Feuertaufe bestanden!

Tags drauf die zweite Station: Limerick. Das Setting ist diesmal ganz anders: Wir müssen alles selbst mischen und spielen im Terrassenbereich des „Old Quarter“, eines Restaurant-Pubs. Wieder viele Logistikfragen: wo den Bus parken in der Innenstadt? Wann das Equipment aufbauen? Wie den Soundcheck gestalten, wenn doch das Publikum schon da ist? Irgendwie gelingt alles, Punkt 21 Uhr legen wir los.


Wir lernen: Je später der Abend und je mehr die Leute stehen (weil: Steh- statt Esstische), desto schneller wird gewippt, gar getanzt. Es ist richtig was los, manche Gäste drücken uns danach einen Schein in die Tip Box oder ihren Dank und Begeisterung mündlich aus. Typisches Gespräch: „Tolle Stimme, tolle Stimmung. Und ihr seid echt aus Deutschland?“
In Kilkenny wartet eine Überraschung
Das gefällt uns besonders an diesem Abenteuer: Man kommt über die Musik immer ins Reden. Über die Songs (etwa vom Iren Glen Hensard, den wir statt U2 im Programm haben), über den Bus (allein diese Band-Aufkleber!), über die gemeinsame Zeit im Pub. Noch näher dran am Publikum sind wir dann an Abend Nummer drei, wo wir im urigen „John Cleere’s Bar & Theatre“ mitten in Kilkenny angekündigt sind.



Der Nachmittag beginnt jedoch mit einem Missverständnis. Denn: „Hier, das sehe man ja, passen weder Drums noch Verstärker rein. Es geht nur akustisch.“ Was nun? Bei einer Runde Bier und Stew aufs Haus wird beraten und beschlossen: Auch das kriegen wir hin. Kurzerhand leihen wir uns in einem Musikgeschäft Cajon und Akustik-Bass (der zudem noch von Linkshänder- auf Rechtshänderbass umgesaitet werden will), proben im Hotelzimmer das neue Setup und beginnen dann die Session wie geplant um 20 Uhr.

Und zwar im traditionellen Musikereck, am Tisch und mit kleinem Mikro, das uns zumindest leicht nach draußen und in den hinteren Teil des Pubs verstärkt. Wer hätte es gedacht? Die Herausforderung wird zum Erfolg. Es gibt Liedwünsche, ein spontanes Geburtstagsständchen, Zugaben und am Ende genug Trinkgeld, um sich danach eine XXL-Pizza gegen den typischerweise immens großen After-Gig-Hunger zu gönnen.


Die Komplimente aus dem Publikum, das Aufgedreht-Sein danach, das späte ins Bett kommen: All das fühlt sich ein bisschen wie ein Rock-Star-Leben an. Andererseits lassen sich weder Groupies noch Roadies blicken. Wir müssen alles selbst auf- und abbauen, den Bus durch mitunter abenteuerlich enge Hinterhöfe lotsen, mit irischen Steckdosen (gut, wenn Adapter mit im Gepäck sind!) und manch technischer Herausforderung kämpfen.

Sehr rockig hingegen ist das Unterwegs sein mit klarer Mission! Heute hier, morgen dort. Wo spielen wir als Nächstes? Wann brechen wir auf, wo checken wir ein, wie gehen wir’s an und bleibt noch Zeit für einen Abstecher an einen geheimen See oder einen Nachmittag in den Dünen? Aber ja!


Das Finale steigt dann in Wexford, Homebase von Darragh. Klar, dass er bei der im Außenbereich des Pubs „T. Morris“ ausgemachten Session dabei ist – und auch noch ein paar Kollegen mitbringt. Endlich mal bekannte Gesichter im Publikum!
Alles ist so intensiv
Wir geben nochmal alles, von Amy Winehouse bis Red Hot Chili Peppers. Zwei Stunden bei herrlichstem Sound und Sonnenschein (so wie die ganze Zeit davor auch!), in denen die gesamte Woche noch einmal an uns vorüberzieht.

Wobei die sich wie drei Wochen anfühlte, einfach weil alles so intensiv war. Die vielen Orte, die vielen Momente auf den Bühnen sowie davor und danach! Und vor allem die gemeinsame Zeit auf engem Raum, sei es auf der Bühne, im Bus, selbst in manchem Hostelzimmer. Auch wenn wir vorab keine Ahnung hatten, wie alles wohl wird, war es nochmal so viel besser. Danke, Irland dass du so offen warst für uns …
Lust auf weitere Irland-Inspirationen? Wie wäre es mit einem Aufenthalt im jahrhundertealten Wehrturm? Mit einer Hausboot-Tour auf dem Shannon? Mit einem City-Trip durchs musikalische Belfast?
Fotos: © Christian Haas und Night Owls
Infos Pub-Tour
Irland Information: ireland.com, Night Owls auf Instagram: instagram.com/night.owls.muenchen, Night-Owls-Medley auf Youtube: youtube.com
Support von Agenturen
Was tun, wenn man als deutsche Hobby-Band in irischen Pubs auftreten will, aber keine persönlichen Verbindungen hat? Dann kann man sich Unterstützung bei einem Musikvermittler holen. Der Ablauf: Bandprofil, Videos und Repertoire werdn an eine Agentur geschickt, die passende Pubs und Veranstalter anspricht, Termine bündelt und Verträge organisiert. Meist berechnen Vermittler eine Provision von etwa 10 bis 20 Prozent der Gage oder eine feste Organisationsgebühr – für eine kleine Tour mit vier Auftritten in einer Woche sollte man grob mit einigen hundert Euro Vermittlungskosten rechnen.

Anlaufstellen sind etwa das Central Entertainment Bureau, das seit Jahrzehnten Pub-Musik in Irland vermittelt, oder spezialisierte Anbieter wie Irish Entertainment. Auch lokale Promoter und Musikclubs sind oft offen für internationale Bands, wobei für den bilateralen Kontakt neben einer gewissen Beharrlichkeit Folgendes entscheidend ist: gute Hörproben, ein professioneller Auftritt und ein Programm, das zum irischen Pub-Publikum passt. Diesbezüglich hilft neben eigener Erfahrung auch eine Onlinerecherche im Internet, insbesondere auf Youtube.
