Australiens Southern Forests erstrecken sich zwischen Walpole und Pemberton. Dort sind es von 500 Jahre alten Baumriesen zu hohen Sanddünen nur wenige Schritte. Und am Meer? Filmreife Strände und Steilküsten
Red Tingle Trees sind anspruchsvoll. Die Baumriesen wachsen ausschließlich in einem kleinen Streifen der westaustralischen Southern Forests, vor allem im Walpole-Nornalup National Park. Fällt der Regen in rauen Mengen, also über 120 Zentimeter pro Jahr, werden die Bäume bis zu 500 Jahre alt und bis zu siebzig Meter hoch.
Der Umfang der Flachwurzler beträgt knapp über dem Waldboden bis zu 22 Meter, erzählt Guide Helen auf dem Rundgang über den Ancient Empire Trail, der sich unterhalb markanter Baumriesen barrierefrei dahinschlängelt.

Valley of the Giants Tree Top Walk
Die eigentliche Attraktion aber liegt einige Etagen höher: Die Stahlstege des Valley of the Giants Tree Top Walk führen in maximal vierzig Meter Höhe über dem Waldboden 600 Meter lang durch die Wipfeletagen. Dabei schwankt er magenkitzelnd im munteren Herbstwind.

Auf den Stegen ist man endlich auf Augenhöhe mit lautstarken Bewohnern der Karri-Kronen wie dem Rotkappenlori und dem wirklich farbenprächtigen Regenbogenlori. Ein Fernglas sollte man für den Tree Top Walk auf jeden Fall einstecken.
Von den nachtaktiven, putzigen Quokkas, denen die von Siedlern eingeschleppten Hauskatzen und Füchse fast überall den Garaus machten und die unter den Red Tingle Trees in einer (wachsenden) Restkolonie leben, ist bis zur Dämmerung nichts zu sehen.

Achtung, Kängurus!
Vor Sonnenuntergang werden nicht nur diese kleinen Kurzschwanzkängurus aktiv, sondern auch die größeren und die ganz großen Artgenossen. Und die schießen gern mal unversehens über die Landstraßen.
Man ist also gut beraten, zu Beginn der „Roo Time“ nicht mehr allzu lang im Auto unterwegs zu sein. Das legt mir meine fürsorgliche digitale Wegbegleiterin Tori Johnson immer wieder eindrücklich ans Herz.
„Landet so ein Riesenkänguru mit bis zu 70 Kilo Gewicht auf deiner Motorhaube, hast du schnell einen Totalschaden. Die kleineren Roos sind nicht so schlimm“, hatte mich Trüffelfarmer Darien vor meiner Abfahrt am Vortag noch gewarnt. „Wichtig ist nur, nicht auszuweichen, sondern draufzuhalten und mit Maß zu bremsen, sonst landest du am nächsten Baum.“

Am Steuer muss man stets die Augen offenhalten und konzentriert die Straßenränder im Blick behalten. Die allgegenwärtigen Kängurus schlagen sich auf den Rinderweiden in Herden die Bäuche voll. Und sie zeigen eine fatale Neigung zu suizidalen Straßenquerungen. Kollisions-Hotspots? Rund um Busselton und Margaret River sowie der über 400 Kilometer lange Highway von Perth nach Albany.
Pemberton: Dünen und Baumriesen
Vom Regenwald in die Sahara. Das geht schnell in Western Australias Southern Forests … Ich marschiere unter beeindruckende 90 Meter hohen Karri-Bäumen und bade im Dschungelfeeling. Dampfendes Grün. Rascheln am Wegrand. Aus den Kronen tropft der Morgenregen, aus dem Unterholz und von oben tönt passende Beschallung …

Das verrückte Klucksen, Kichern, Lachen und Keckern des in Australien omnipräsenten Kookaburra. Dazu das Flöten und Gurgeln des Australian Magpie. Abgerundet durch ausdauerndes Tonleiternspiel und das „hoo-ey“ des Graubrust-Dickkopfs.
Dann geht es mit Graeme Dearly in dessen Land Cruiser durch den Warren River. Wenige hundert Meter weiter lässt er die Luft aus den Reifen und wir rollen plattfüßig durch eine Sahara-Kulisse: Düne an Düne. Aber Känguru und Emu statt Kamel. Willkommen in den Yeagarup Dunes.

Graeme tritt aufs Gas und es geht durch den regennassen Sand zum Yeagarup Beach, an dem der Südliche Ozean mit kräftigen Wellen und gewaltigen Unterströmungen nagt.

Während meine Wirbelsäule von der Wellblechpiste malträtiert wird, erzählt Graeme, wie die indigenen Noongar mit sogenannten Cold Burns der Karri-Wälder, also kontrollierten Bränden, die verheerenden Wildfeuer vermeiden.

Cold Burns: Feuer mit Feuer vermeiden
„Die Feuer werden bei hoher Bodenfeuchtigkeit und wenig Wind gegen die Windrichtung gelegt. Sie entwickeln wenig Hitze und vernichten nur trockenes Unterholz, dürres Gras und Laub. Die Baumkronen der hohen Karri-Bäume lassen diese Feuer kalt.“
Die sanfte Hitze beschleunigt das Keimen von Samen im Boden und liefert nährstoffreiche Asche. Der Boden und die dort lebenden wichtigen Mikroorganismen bleiben bei den Cold Burns geschützt. Durch das geringe Tempo können sich Wildtiere, Reptilien, Vögel und Insekten rechtzeitig und ohne Probleme in Sicherheit bringen.
Wer ausreichendes Offroad-Können und einen 4×4-Mietwagen hat, macht sich auf die 90 Kilometer lange, offizielle „Karri Forest Explorer“-Selfdrive-Tour durch die Wälder des Greater Beedelup National Park, eines von 24 Nationalparks in den Southern Forests. Auf Wanderer warten die elf Kilometer des „Warren River Loop Walk“.

Pembertons Karri Valley
Rund um das Örtchen Pemberton wachsen die mächtigsten Karri-Bäume des Südwestens. Und im Karri Valley kommen unzählige Kängurus dazu. Für Gäste auf dem Weg zum „Karri Valley Resort“ scheinen sie Spalier zu stehen. Dazu kommen einige planlos durch die Gegend hastende Emus. Die sind für extrem kleine Hirne bekannt und dafür, als einzige Vogelart Wadenmuskeln zu haben.
Von meinem Zimmer-Balkon im „Karri Valley Resort“ könnte ich mich direkt in den Lake Beedelup fallen lassen. Unter schwarzen Regenwolken hängt dicker Dunst über sattem Grün. Dazu lärmen sich Kookaburra und Magpie die Seele aus dem Leib.
Abends im „Lakeside Restaurant” drehe ich den „Aufgepasst, sonst kracht’s“-Spieß um und ordere Känguru-Filets. Die sind butterzart, leicht süßlich und erinnern an Wildbret. Payback time, Roo!

Albany: Rostiges Mahnmal und Küstbarkeiten
Beim Schwimmen am von glattrunden Granitbuckeln gesäumten Misery Beach, der an die Seychellen erinnert, treffe ich am Vortag „Boxing Man“ Peter aus Adelaide.
Der 70-Jährige zuckt nur mit den Schultern, als ich ihm aufgewühlt den Blue Bottle Jellyfish im Sand zeige, in den ich nach dem Schwimmen beinahe getreten wäre. Halb so wild, meint er.

Von Physalia utriculus, auch bekannt als Indopazifische Portugiesische Galeere, lässt man besser die Finger – und andere Körperteile. So kurios-schön Mutter Natur diese Wesen gestaltet hat, so schmerzhaft sind Berührungen.
Keinen Kilometer weiter rosten die Gebäude der Cheynes Beach Whaling Company vor sich hin. Dort, in der Frenchman Bay, wurden von 1952 bis 1978 über 14.500 Wale geschlachtet, deren Öl die drei riesigen Tanks füllte und deren Blut den Misery Beach tiefrot färbte.

Zu Spitzenzeiten deckte die Cheynes Beach Whaling Company bis zu 60 Prozent des Weltbedarfs an Walöl. „Nach dem Jagdverbot für Buckelwale“, erklärt Guide Joyn, „hat man einfach mit der Jagd auf Pottwale weitergemacht.“
Blauwale fielen den Fängern ebenfalls zum Opfer. Das Skelett eines solchen Riesen ist im Museum zu sehen. Mein Guide Joyn kommentiert: „Die Zunge eines Zwergblauwals wiegt so viel wie ein Elefant: zweieinhalb Tonnen.“
Der Besuch des erschütternden Museums fällt leichter mit dem Wissen, dass sich die Walbestände in den Meeren vor Australien erholt haben. So stiegen die Bestände an Buckelwalen von 200 Tieren in den 1960ern auf aktuell 60.000 Tiere.

Küsten-Spektakel: The Gap und The Bridge
Von Albany sind es zwanzig Kilometer bis zu zwei der fotogensten Küstenabschnitte der Southern Forests. 25 Meter tief hat sich das Meer bei The Gap in den Fels gefressen. Genau genommen handelt es sich um „steinalten“ Gneis.
Dieses Gestein ist über 1,6 Milliarden Jahre alt und wurde wild gefaltet und gepresst, als sich der Urkontinent Gondwana auflöste und sich vor dreißig bis vierzig Millionen Jahren die Landmassen Australiens von denen der Antarktis lösten.
Die stählerne Aussichtsplattform ragt gut zehn Meter weit über den schäumenden, donnernden Abgrund hinaus. Durch den Gitterrost fällt der Blick senkrecht nach unten. Das brodelnde Blau verschafft manch einem Besucher erkennbar Unbehagen.
The Natural Bridge ein paar Schritte weiter zeigt mit einem kühnen Felsbogen, durch den die Brandung wütet, welche Kräfte der Südliche Ozean entfalten kann. An windigen, sonnigen Tagen zaubert die Gischt bunte Regenbögen in die Luft, was der Ecke den Beinamen Rainbow Coast einbrachte.

Hingucker und Schnorchelparadies
85 Kilometer weiter westlich wartet in der Williams Bay mit Greens Pool ein bei Locals beliebter Platz zum Schnorcheln und einer der schönsten Küstenabschnitte der Southern Forests. Die großen Boulder halten die Haie ab, heißt es, dort könne man bedenkenlos schwimmen.

Nebenan nimmt man mit der Erdgeschichte vor 1,6 Milliarden Jahren Fußfühlung auf, indem man barfuß über die massiven, sonnenwarmen Granitbuckel der Elephant Rocks spaziert. So fühlbar nah kommt man der Urerde selten.

Info Southern Forest
Anreise
Gute Abflugzeiten und eine Gesamtreisedauer von nur 18 Stunden (inklusive Umstieg in Singapur) mit Singapore Airlines. Tickets ab 1.100 Euro.
singaporeair.com | 👉 Airline-Review Singapore Airlines Premium Economy
Übernachtungstipps für Southern Forests – reportergetestet
Chimes Spa Retreat
Boutique-Hotel mit zehn Zimmern im früheren Holzfällerdorf Denmark. Außenpool, Spa-Wanne im Zimmer. Netter Spa-Bereich mit Finnischer Sauna, Dampfbad und guten Treatments. Tolle Aussicht aufs Meer. 467 Mount Shadforth Road, Denmark. DZ/F ab 180 Euro.
chimes.com.au
RAC Karri Valley Resort
Familien-Chalets unter hohen Karri-Bäumen. Die Lakeside Rooms liegen direkt am See. Überraschend gute Küche im „Lakeside Restaurant“ direkt am Wasser mit schönem Blick über den See und offenem Kamin. DZ/F ab 120 Euro.
parksandresorts.rac.com.au/karri-valley/
Nützliche Websites
4×4-Dünen-Touren: pembertondiscoverytours.com.au
Touren rund um Albany und Denmark: albanytours.com.au
Karri Forest Explorer Tour: exploreparks.dbca.wa.gov.au/site/karri-forest-explorer
Offizielle Website von Tourism Western Australia: westernaustralia.com
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Großes Aufmacherfoto oben: © Tourism Western Australia

