Istanbul ist keine Stadt, in die man einfach eincheckt. Sie ist laut, widersprüchlich und fordernd – und genau deshalb faszinierend. Das Shangri-La Bosphorus erlaubt, Abstand zu nehmen. Um dann wieder voll einzutauchen

Recep tritt an der Grenze von Asien zu Europa aufs Gaspedal. Seit der Abfahrt am Sabiha Gökçen Airport herrscht beständiger Stop-and-go. Plötzlich, kurz vor der „Brücke der Märtyrer des 15. Juli“, lichtet sich der Verkehr. „Avrupa“ proklamiert der Taxifahrer theatralisch die Kontinenten-Überschreitung, die unter uns mitten durch den Bosporus geht.
Istanbul ist quirlig, laut, aufregend
Die schmale, aber wichtige natürliche Meerenge, die das Schwarze Meer mit dem Marmarameer verbindet, zieht sich über gut 30 Kilometer in die Länge und prägt nicht nur Istanbul als pulsierende Lebensader: Auch unser Ziel, das Shangri-La Bosphorus, wird von der dunkelblauen Strömung bestimmt, immerhin liegt das Hotel direkt am Gewässer.

Der Beşiktaş-Bezirk ist ein urbaner Knotenpunkt: Arbeiter, Studenten, Geschäftsleute, Touristen – alles gleichzeitig, alles in Bewegung. Zudem hat das Militär Kontrollen aufgestellt. „Wegen Erdoğan“, sagt unser Fahrer, der sich mit dem Präsidenten den Vornamen teilt.


Wenn das türkische Oberhaupt in Istanbul ist, seien die Sicherheitsvorkehrungen verrückt, was den ohnehin schon permanent verstopften Verkehr oft zum Stillstand bringe.
Wir sind zum Glück mittlerweile angekommen vor der zurückhaltenden Hotel-Fassade, hinter deren Eingangstür der Trubel schlagartig in sich zusammenfällt.
Ein Haus mit Vergangenheit – neu gedacht
Das Shangri-La Bosphorus fühlt sich wie ein bewusst gesetzter Kontrapunkt zur Stadt an. Draußen: hupende Taxis, Fährenhörner, Möwengekreische. Drinnen: gedämpfte Stimmen, kühle Luft, Marmor unter den Füßen. Die Lobby in Creme- und Grautönen, mit schweren Teppichen und vergoldeten Details ist luxuriös, aber ohne Effekthascherei – und überraschend beruhigend.

Kaum zu glauben, dass dieses Gebäude einst ein Tabaklager aus den 1930er-Jahren war. Heute erinnert nichts mehr an Rauch oder Industrie. Stattdessen fühlt sich das Haus eher wie ein Museum an, das zufällig auch 186 Zimmer hat.
Über 1.000 Kunstwerke verteilen sich auf Flure, Lobby, öffentliche Räume: asiatische Lackarbeiten, chinesische Keramik, Landschaftsaquarelle, europäische Skulpturen.
Istanbul: Stadt voller Gegensätze
Und mittendrin dieser gigantische Kronleuchter, der sich von der Glaskuppel in einer fließenden Bewegung zwei Stockwerke nach unten zieht – ein bisschen absurd, ein bisschen übertrieben, aber eben genau deshalb passend zur oft überwältigenden Optik der Metropole.

Istanbuls Dualität speist sich nicht allein aus der Reibung zweier Kontinente. Die Stadt lebt von Gegensätzen: Vergangenheit und Gegenwart, Tradition und Innovation, Gebet und Nachtleben – eine Spannung, die das Shangri-La nicht glättet, sondern bewusst zelebriert.
Eine ruhige Oase mitten im Trubel
Dementsprechend unaufgeregt sind nach dem Mix aus böhmischem Glas und glänzendem Naturstein des Eingangs die Zimmer selbst: großzügig geschnitten, ruhig, mit neutralen Farben, klassischen Möbeln und schweren Vorhängen, die die Stadt auf Knopfdruck ausblenden.


Dazu Marmorbäder mit Fußbodenheizung, Pflegeprodukte von L’Occitane und einem Fernseher im Spiegel über dem Waschbecken, ein Detail, das mich zuerst verwirrte und schnell begeisterte.
Große Zimmer mit großartiger Aussicht
Der wahre Star ist allerdings der Blick. Die Zimmer mit Bosporus-Aussicht scheinen direkt über dem Wasser zu schweben. Fähren ziehen vorbei, Pendler trinken Tee an Deck, Lieferboote schieben sich durch die Strömung.


Das Licht verändert sich minütlich. Morgens liegt ein milchiger Dunst über dem tiefen Blau, abends färbt sich alles in Gold und nachts glitzern die Lichter Asiens auf der gegenüberliegenden Seite.
Auch das Frühstück wird von dieser Kulisse eingerahmt. Unbedingt auf der Terrasse des IST TOO sitzen und zusehen, wie der Bosporus langsam in den Tag findet.


Das Buffet ist immens: Shakshuka, Menemen und Gözleme rangieren neben diversen Käsesorten, Räucherlachs, frischen Säften und Croissants mit französischer Butter. Man braucht mehrere Runden – und Zeit – ist danach aber bestens gewappnet für den faszinierenden Trubel Istanbuls mit ihren Sehenswürdigkeiten.
Shangri-La Bosphorus: Die Fähre bringt zur Altstadt
Die Standseilbahn T1 ist fußläufig erreichbar, ebenso wie der Stadtteil Kabataş mit seinen Museen, darunter das Istanbuler Museum für Moderne Kunst. Fashion-Shops, gemütliche Cafés und Restaurants (insbesondere entlang der Yeni Çarşi Straße und der Istiklal Caddesi) reihen sich entlang der belebten Fußgängerzonen aneinander.

Gerade mal fünf Minuten vom Hotel entfernt, wartet das Fährterminal als perfekter Ausgangspunkt, um auf die asiatische Seite überzusetzen. Zwei Kontinente, ein Ticket – für unter einem Euro.
Auch Sultanahmet, das historische (europäische) Herz der Stadt mit Hagia Sophia, Blauer Moschee und Cisterna Basilica, erreicht man so in rund 20 Minuten, ebenso wie den Großen Basar.

Der Charme einer über 3000 Jahre alten Stadt
Unbedingt mit aufs Programm sollte zudem ein Spaziergang über die Galata-Brücke, ein Mittagessen im Karaköy Lokantası, Baklava bei Karaköy Güllüoğlu, sowie eine Bootsfahrt bei Sonnenuntergang vorbei an der Ortaköy-Moschee.

So beeindruckend das Abhaken von Istanbuls Moscheen und Märkten auch ist: Bei meinen Entdeckungsspaziergängen durch Beşiktaş habe ich mich der Stadt und ihrer Energie am nächsten gefühlt.
Um die Ecke vom Shangri-La: Das Beşiktaş-Viertel
Der Dolmabahçe-Palast, ein Monument osmanischer Pracht des 19. Jahrhunderts, liegt praktisch um die Ecke des Shangri-La, ebenso wie das lichtdurchflutete Limonluk Café – ein Mokka im hohen Wintergarten ist die perfekte Auszeit vom Großstadttreiben.
Der beste und beliebteste Lunch-Spot der Nachbarschaft ist İskender Kuruluş 1867. Bei einem der ältesten Iskender-Kebab-Restaurants der Stadt gibt es auf dem Menü nur dieses Gericht in zwei Größen.


Das Highlight der aromatischen Mischung aus geschnittenem Dönerfleisch, Tomatensauce und Joghurt ist die heiße, geschmolzene Butter, die am Tisch direkt aus der Pfanne über den Teller gegossen wird. Vor dem Haus wartet meist eine lange Schlange – die bewegt sich aber schnell und das Warten lohnt sich.
Kulinarik zwischen Asien und Europa
Während das Shangri-La Bosphorus auf Europa liegt, zehrt das Restaurant-Highlight des Hotels von den Genüssen des gegenüberliegenden Kontinents. Shang Palace serviert unter der Leitung von Chef Cheng Lu klassische kantonesische Küche auf höchstem Niveau.


Dim Sum, doppelt gekochte Suppen, Jakobsmuscheln und vor allem die Pekingente werden zu eleganten und erstaunlich authentischen Erlebnissen.
Le Bar: Aufwändige Cocktail-Kreationen
Abends lohnt sich ein Abstecher im Le Bar. Hier gibt es keine Cocktailkarte im klassischen Sinn – die Bartender lassen sich stattdessen durch ein Gespräch zum perfekten Mix inspirieren. Lieblingsspirituose nennen, Stimmung beschreiben, überraschen lassen. Und wer´s süß mag: Im Shangri-La Bosphorus gibt es den weltweit ersten Baklava-Butler.

Diese Köstlichkeit wird von einem Bäcker aus Gaziantep, der Geburtsstätte des Baklava, in fünfter Generation authentisch hergestellt. Jeder Bissen des hauchdünnen, knusprigen Filoteigs ist ein Geschmackserlebnis, das perfekt zu Maraş-Eiscreme und einer Tasse türkischem Kaffee passt.
CHI, The Spa: Rückzug unter der Stadt
Nach so viel Gourmet-Genüssen muss ich mich entweder viel bewegen – oder gehe direkt in einen extremen Entspannungsmodus über. Im Shangri-La wartet gibt es dafür unter dem Hotel eine eigene Wellness-Welt.


Das CHI, The Spa erstreckt sich über 1350 Quadratmeter und gehört zu den eindrucksvollsten der Stadt. Beheizter Innenpool, Fitnessstudio, Sauna, Dampfbäder, Eisbrunnen, Erlebnisduschen – alles ist in gedämpftes Licht und Ruhe getaucht.
Tiefenentspannung im Hammam
Das Herzstück ist das authentische türkische Hammam. Das ist hier kein dekoratives Beiwerk, sondern ein echtes Ritual mit Peeling, Schaummassage, Olivenöl auf warmen Marmorplatten.

Danach fühlt man sich nicht nur sauber, sondern tatsächlich neu sortiert. Quasi ein Reset, um Europa und Asien am nächsten Tag wieder komplett neu zu entdecken.

Denn: Istanbul ist keine Stadt, die man „gesehen“ hat. Mit ihren über 15 Millionen Einwohnern, über 3000 Jahren Geschichte und ihrer wilden architektonischen Mischung, die Moscheen, Paläste und Hochhäuser mühelos kombiniert, wirkt sie immer anders und oft überwältigend – aber genau das ist ihr Reiz.
Preise und weitere Infos zum Shangri-La Bosphorus findet ihr hier. Lust auf ein anderes Shangri-La? Wie wäre es mit einer Übernachtung in Abu Dhabi oder Toronto?
Fotos: Shangri-La Bosphorus, Manuela Imre
