Der Alpensteinbock heißt auf Rätoromanisch „Capricorn“ und dient als Namenspate für eine fantastische Dreitageswandertour auf der Via Capricorn im Naturpark Beverin, die zwischen Bergseen, Enzian, Gämsen, Murmeltieren und schroffen Gipfeln entlangführt.
Wenn man sich ein idyllisches Schweizer Dorf vorstellen würde, dann läge es an einem Hang geschmiegt, mit Häusern, vor denen Holzbänke stehen, hoch über dem Talgrund, wo das Leben viel schneller fließt. Mitten auf der Dorfstraße faulenzten Hunde gemütlich in der Sonne, träge Katzen hinterherguckend, die an vom langen Sommer gewärmten Scheunenwänden entlangschlichen.

Ein Bergdorf wie aus dem Bilderbuch
Die Dorfkirche hätte einen kleinen Friedhof, mit einer aus Bündnerschiefer aufgeschichteten Mauer. Ein Postbus würde, schweizerisch pünktlich auf die Minute, vor dem einzigen Gasthof im Ort halten, ein paar Kinder mit bunten Schulranzen würden aussteigen und in den Häusern verschwinden. Zwei, drei Reisende mit Wanderrucksäcken würden durch die Eingangstür des Berggasthofes treten. Dann wäre es wieder still, außer dem Zirpen von Grashüpfer würde man nichts hören.

Genauso ist Wergenstein, ein Bergdorf mit rund 30 Einwohnern, die 1.485 Meter hoch über dem Schamsertal im Kanton Graubünden leben.
Dieser Bilderbuchort ist Ausgangs- und Endpunkt einer mehrtägigen Wanderung, und natürlich gehören zu einer solchen Wanderung in der Schweizer Bergwelt eine ganze Menge Murmeltiere, Gämsen und Steinböcke, die in Steilhängen wohnen und nichts Besseres zu tun haben, als Wandernden immer mal wieder über den Weg zu laufen. Schließlich ist der Steinbock das Wappentier des Kantons Graubünden.
Via Capricorn: Wandern knapp unterhalb von 3.000 Metern
Auf dieser Mehrtagestour im Naturpark Beverin rund um den 2.997 Meter hohen Piz Beverin windet sich der Wanderweg Via Capricorn. Wer ihn geht, erlebt gewaltige Ausblicke auf schneebedeckte Berge, ist oft oberhalb der Baumgrenze auf schmalen Pfaden unterwegs und kann sich in herrlich erfrischenden Bergseen abkühlen.

Und weil man sich einerseits auf einer Wanderauszeit anstrengen, aber gleichzeitig ohne schnarchende Mitschläfer ruhen will, wird anstatt auf Berghütten, im Zelt oder in Biwakschachteln während der Tour in Berggasthöfen übernachtet. Das hat zugleich den Vorteil der Rucksackgewichtsreduzierung, denn Schlafsack, Isomatte, Kocher und Co. können diesmal daheimbleiben.
Etwas Komfort darf sein
Wer auf der Via Capricorn unterwegs ist, der kann sicher sein, dass er in herrlich gemütlichen Zimmern übernachten wird. Das gilt für das Hotel Capricorns in Wergenstein genauso wie für den Berggasthof Beverin auf dem Glaspass und den Gasslihof in Thalkirch. Überall ist die Bewirtung hervorragend, in jeder Herberge könnte man auch einfach ein paar Nächte bleiben und die Welt außen vor lassen.
Das ist das Grundidee einer dreitägigen Wanderung auf der Via Capricorn, die über 52 Kilometer führt, 3.400 Höhenmeter umfasst und in insgesamt etwa 19 Wanderstunden zurückgelegt werden kann. Man muss dafür kein Fernwanderprofi sein, aber Kondition sollte man schon mitbringen.
Via capricorn: Auf in luftige Höhen
Am ersten Wandertag kann man ab Wergenstein über sich windende Steige (oder mit dem Bus alpin Beverin) die ersten 800 Höhenmeter bis zum Wanderparkplatz Tguma zurücklegen. Wer jetzt schon durstig ist, nimmt sich eine Flasche Rivella aus dem mit Bergbachwasser gefüllten Holztrog am Wegrand und wirft den Obolus in ein Blechkasterl.

Von dort schlängelt sich die Via Capricorn einige Kilometer und ohne größere Anstiege über die Alp Anarosa. Die Alp ist mit 2.800 Hektar nicht nur die größte in Graubünden, sondern beheimatet eine außergewöhnliche und geschützte Flachmoorlandschaft.

Sanft gewelltes Gelände wechselt mit Moränenwällen aus der letzten Eiszeit. Wasser tritt an mehreren Stellen zwischen saftig grünen Moosen empor, gluckst in Tümpeln oder verschwindet in kleinen Mooren, weiß-püscheliges Wollgras wiegt sich im Wind. Dazwischen pfeift es aus verschiedenen Richtungen, dort haben Murmeltiere sich in den trockenen Bereichen ihre Bauten im Gletscherschutt angelegt.

Die Alp Anarosa auf der Via Capricorn: Dort, wo alles fließt
Die Arealbezeichnung Anarosa, in früheren Jahrhunderten von den Älplern „Erausa“ und „Arossa“ genannt, enthält einen alten Wortstamm, der „fließen“ bedeutet und sich auch heute noch in dieser besonderen Berglandschaft spiegelt, denn es fließt und plätschert aus unzähligen Bächen und Rinnsalen.

Wer etwas Zeit mitbringt, der sollte sich beim Wandern durch das Flachmoor nach dem schwarz glänzenden Alpensalamander umsehen, der zwar im Gegensatz zu allen anderen einheimischen Amphibien nicht schwimmen kann, aber trotzdem gerne an Bachläufen lebt.
Baden mit Gipfelblick
Weiter bergauf führt die Via Capricorn, und die Sonne steht schon fast im Zenit, als unterhalb der Hänge der Pizzas d’Anarosa der Lai Grand auftaucht, Romanisch für „großer See“. Zeit, sich den Schweiß der letzten Stunden abzuwaschen, auf dem Rücken treibend auf die zerklüfteten Gipfel der Pizzas zu schauen, die 400 Meter hoch über dem See aufragen, und einem Steinadler hinterherzusehen, der über dem Cufercalhorn seine Kreise zieht.

In diesen Höhen könnten sich eigentlich Steinböcke aufhalten, aber mit bloßem Auge ist in den grauen Berghängen kein Hornträger zu entdecken.
Mit dem Feldstecher Steinböcke erspähen
Also weiter zum „Wildtierbeobachtungsplatz“ Alperschälli: Dort hat die Naturparkverwaltung Beverin eine Expeditionskiste deponiert, in der Feldstecher, Fernrohr und Informationen zu Steinbock und Murmeltier zu finden sind.
Mit dem Fernglas müssten die Steinböcke (Capra ibex) der Kolonie Safien-Rheinwald, die etwa 350 Tiere umfasst, jetzt doch wirklich zu sehen sein. Aber irgendwie scheinen sie von der Sommerhitze in noch höhere und kühlere Plätze vertrieben worden zu sein, es lässt sich nicht einmal der Hauch eines gebogenen Horns blicken.

Dann eben die Jause verspeisen und in den Infobroschüren blättern, denn mehr Wissen führt bestimmt zu besseren Sichtungsergebnissen.
Bis zu 24 Jahre alt werden Steingeißen, und wie bei den Menschen sterben die männlichen Vertreter einige Jahre früher. Die Gehörne alter Böcke erreichen maximal einen Meter Länge, Jahresringe zeigen ähnlich Baumringe das Alter eines Tieres an. Weil das Winterfell des Steinbocks extra dunkler gefärbt ist, erwärmt es sich bei Sonne schneller.

Spektakulär wird es, wenn der Steinbock, der zu den Paarzehern gehört, in steilstem Gelände unterwegs ist, wobei er bis zu sieben Meter in der Horizontale und Hindernisse von bis zu vier Metern Höhe springend überwinden kann.
Von der Höhe ins Safiental
Weil sich aber nicht einmal ein Steinböckchen blicken lässt, ist es besser, auf der Via Capricorn weiterzuziehen.

Vom 2.529 Meter hohen Alperschällipass führt der Weg steil bergab durch den Höllgraba bis ins Safiental. Im Gegensatz zur meist steil abfallenden östlichen Talseite mit den Dreitausendern Schwarzhorn, Gelbhorn und Bruschghorn ist die Talwestseite sanfter geschwungen.

Saftig grüne Wiesen wechseln mit Bergwald, schmale Fahrwege durchziehen das Gelände. Im Winter sind die westlichen Hänge des Safientals ein Eldorado für SkitourengeherInnen und Schneeschuh-Afficionados.

Nach etwa 7 Stunden und 18 Kilometern Wanderung stehen Liegestühle vor dem Gasslihof, und bevor man lange überlegt, liegt der Rucksack im Gras und eine kalte Rivella prickelt im Hals.
Der zweite Tag auf der Via Capricorn
Den folgenden Wandertag verläuft die Via Capricorn auf der Westseite des Safientals Richtung Norden. Ein unverschämt blauer Himmel spannt sich über dem Tal, auf saftig grünen Wiesen stehen vom Wetter gebeizte Heustadel, dazwischen liegt dunkler Bergwald, Bäche rinnen die Hänge hinab, und überall bimmeln Kuhglocken.

Im Walserdorf Camanaboda lädt ein Schild zum Verweilen im Hof-Beizli „Dem Himmel ein Stück näher“ ein. Vor der Terrasse ragt das Massiv des Piz Beverin auf, eine Katze fordert Streicheleinheiten, und im Selbstbedienungs-Beizli liefert die Kaffeemaschine noch einen zweiten Espresso.

Die Beine sind froh, dass der heutige Tag nur 715 Höhenmeter bereithält und die 15 Kilometer lange Strecke schon nach fünf Wanderstunden sehr entspannt im Berggasthaus Beverin endet. Und zwar in der Nachmittagssonne auf der Terrasse – und mit einem Fernrohr, durch das an einer Felswand ein Steinbock, ach nein, eine Gämse, zu sehen ist.
Via Capricorn: Am dritten Tag bergauf über das Carnusatal
Knapp 19 Kilometer hält die Via Capricorn am letzten Wandertag bereit. Der Weg führt vom Glaspass, an dem das Beverin steht, entlang eines bewaldeten Hanges und den Carnusabach querend durch das Carnusatal zwischen den schroffen Westhängen des Piz Beverin und den Ostausläufern von Verdushora und Carnusahora.

Aber nicht nur die Bergkulisse wird beim anstrengenden Aufstieg über 1.000 Höhenmeter zum 2.606 Meter hohen Carnusapass dramatischer, auch der Himmel, der die vergangenen Tage so nachhaltig wolkenfrei blau glänzte, trägt heute dicke Kumuluswolken.

In den Hängen rund um den Pass würden sich regelmäßig Steinböcke aufhalten, hatte Marco Waldburger vom „Gasslihof“ an unserem Abend im Liegestuhl erzählt. Marco ist passionierter Jäger, mit Gämsen und Steinböcken kennt er sich sehr gut aus.

Und er erklärte, dass es tagsüber sehr schwierig sei, die Capricorns zu sehen, da es im Moment sehr warm sei und sie in immer höhere Areale ausweichen würden. Marco erzählte auch, dass man die Tiere am besten frühmorgens oder am Abend beobachten könne, dann hätten sie ihre Äsungszeit und würden dafür weiter bergab ziehen. Laut Marco würden etwa 350 Tiere im Naturpark Beverin wohnen.

Via Capricorn: Gämsen und Schneehühner
Na gut, jetzt zur Mittagszeit sind sie also nicht zu finden, aber dafür wandern etwas später einige Gämsen spektakulär über einen senkrechten Felshang. Und zwei Schneehühner flattern unterhalb des Piz Tarantschun neben dem Wanderweg auf und verschwinden Richtung Lai la Scotga.

Kein Alpensteinbock zeigt sich mehr auf dem Weg zurück nach Wergenstein, aber das ist egal, die ans Gebirge perfekt angepassten Tiere sind in der atemberaubenden Landschaft des Naturparks Beverin gut aufgehoben. Und wer unbedingt einen Steinbock sehen will, der muss eben viel Geduld oder Glück mitbringen. Er könnte aber auch an geführten Wildtierbeobachtungen teilnehmen, die der Naturpark organisiert.

Fazit Via Capricorn
Für alle anderen, die ein paar Tage auf wenig begangenen Wanderwegen in beinahe unberührten Höhen unterwegs sein wollen, um Berge, tierische Bergbewohner und einzigartige Biotope zu erleben, dabei aber auch Komfort schätzen, den bringt die Via Capricorn dem Himmel ein ganzes Stück näher.
Lust auf mehr Schweiz bekommen? Wie wäre es mit einigen Tagen Winter-Outdoor in Davos? Einem City-Trip nach Luzern? Oder vielleicht ein Roadtrip über Schweizer Pässe ?
Via Capricorn
Anreise:
Mit der Bahn und dem Postbus z.B. von München über Lindau, Chur und Thusis nach Wergenstein, dem Ausgangsort für die Rundwanderung auf der Via Capricorn.
Übernachtung:
Bei dieser Dreitageswanderung übernachtet man nicht in Hütten, sondern in gut ausgestatteten Berggasthäusern, wie etwa dem entspannten Berghotel Capricorns in Wergenstein, Einzelzimmer mit Frühstück ab 105 Franken, capricorns.ch

Gasslihof in Thalkirch im Safiental, ÜN im DZ mit Frühstück ab 90 Franken inkl. Frühstück, gasslihof.ch

Berggasthaus Beverin am Glaspass, Übernachtung im Einzelzimmer mit Frühstück ab 85 Franken, berggasthaus-beverin.ch

Arrangement: Ein Pauschalangebot auf der Via Vapricorn mit vier Übernachtungen, Frühstück, einmal Halbpension sowie drei Lunchpaketen kostet ab 486 Franken, buchbar über viamala.ch
Informationen:
Ausführliche Informationen über Aktivitäten, Destinationen allgemein in Graubünden unter graubuenden.ch. Weitergehende Infos zur Ferienregion Via Mala bei unter viamala.ch
