Los Cabos verbindet man gern mit exklusiven Hotels, feiner Kulinarik, Golfen und Walen. Aber mit Ziplines? Weniger. Derweil findet sich im El Tule Canyon eine spektakuläre Anlage, mit acht, teils superlangen Lines. Woanders in Mexiko geht es sogar noch länger abwärts.
Die meisten Seilrutschen finden sich in Klettergärten und Freizeitparks und messen rund hundert Meter, mal etwas mehr, mal etwas weniger. Aber über 800 Meter lang? Da wird jeder Actionfan hellhörig. Schließlich bedeutet das eine der längsten Seilrutschen der Welt! Und bei einem abenteueraffinen Reporter bedeutet das: Einen solchen „Flug“ gilt es persönlich auszuprobieren.

Also, wenn schon in Los Cabos im Süden Baja Californias, ab zum El Tule Canyon. Konkret zum etwa 20 Kilometer von Cabo San Lucas entfernten Abenteuerpark Wild Canyon Adventures. Der bietet eine ganze Palette an Outdooraktivitäten an, allen voran Quadfahren und eben Ziplining. Das wollen wir. Wir, das sind vier Kolleginnen und Kollegen, die ganz wild sind auf einen Adrenalinrausch.
Rollenspiele über der Schlucht
Doch erstmal am Kassenhäuschen die (nicht ganz billigen) Tickets erwerben und persönliche Gegenstände in Spinden verstauen. Ein paar Meter weiter bekommen wir dann Helm, Handschuhe, Klettergurt und vor allem eine Art eiserne Rolle mit zwei Griffen. Die wird unser Begleiter für die nächsten zweieinhalb Stunden. Wie wir uns damit jeweils ins Stahlseil einhängen, erklärt uns einer der vielen Mitarbeiter auf Englisch. Zur Sicherheit fragt er uns kurz danach nochmal ab. Wir bestehen den Test, schließlich ist das Patent leicht zu verstehen.

Dann wird jeder „Rutscher“ noch kurz zum Kontrollwiegen gebeten, wobei die exakte Kilogrammangabe dezent behandelt wird. Es geht ja auch nicht um Bodyshaming, sondern um Sicherheit. Die wird hier groß geschrieben (was mehrere internationale Bescheinigungen bestätigen), daher also auch das Kontrollieren der Obergrenzen. Der Check jedenfalls sagt bei allen von uns: alles im Rahmen. Gut so. Next step: Einsteigen in den Klettergurt und Aufsteigen beim ersten Holzpodest, wo ein weiterer Mitarbeiter die von uns mitgebrachten Rollen samt uns selbst in das Seil einhängt.

Und wow, was für ein Ausblick, als ich da, derzeit noch gebremst, so baumle: über mir der wolkenlose Himmel, vor mir die grandiose Bergwelt im Hinterland Baja Californias, unter mir einige Holzbretter und ein paar Schritte weiter der abschüssige Canyon.

Wobei die Teststrecke, Beiname „The Zip School“ nicht gleich „ganz rüber“ geht, sondern „nur“ über einen Seitenarm. Nicht so tief, nicht so lang, vielleicht rund 50 Meter. Dennoch: Konzentration! Nach hinten lehnen, Füße vorstrecken, beide Hände an die Griffe der Rolle, starten, Geschwindigkeit aufnehmen und am hölzernen Landeplatz sanft aufsetzen. Kurz, aber spaßig! Macht Appetit auf mehr!
Adrenalinkick im Doppelpack
Die nächste „Line“, „The Baby Monster“, ist schon deutlich länger. Und vor allem: Sie führt über den gesamten Hauptcanyon. Heißt: Es geht etwa 300 Meter hinüber und unter uns rund 100 Meter hinunter. „Uns“ heißt in diesem Fall: unter meiner Mitfahrerin und mir. Denn manche der acht Lines sind im Doppelpack zu fahren. Da klemmt der Hintermann respektive die Hinterfrau die Füße unter die Achseln der vorderen Person und ab geht es. Zu zweit kreischt es sich ja schließlich noch schöner!

Irre, wie wir hier – dem jetzt höheren Gewicht zufolge – noch mehr Geschwindigkeit machen. Wobei man auch immer daran denken sollte, wie sich der Speed reduzieren ließe, um im Falle eines Falles nicht mit Vollkaracho in die Landestation zu krachen. Dabei hilft ein lustiger Merksatz, der bereits bei der Einweisung fiel: „Shaky shaky, breaky breaky“.
Ich geb Gas, ich will Spaß!
Übersetzt: Durch Vorwärts- und Rückwärtsbewegung der Arme kann man die Rolle über sich etwas shaken, also querstellen. Das wiederum führe zu einer Reibung am Seil, sprich zu einer Verlangsamung. Außerdem wissen die Mitarbeiter am Ziel dadurch auch: Weitere Bremsung ihrerseits erwünscht. Bei uns müssen sie aber nie eingreifen.

In der Regel dotzt die Rolle schwungvoll, aber handlebar gegen einen Gummiprellbock, was den oder die Fahrer abbremst und erstmal etwas baumeln lässt, bevor er leicht zurückgleitet. Das ist der Moment, wo man die bislang nach vorne gestreckten Füße nach unten stellen sollte, um zum Stehen zu kommen. Bein am Boden, Balance halten, geschafft! Es folgt: Abklatschen, Durchschnaufen, Rolle entnehmen und mit ihr zu Fuß zur nächsten Abflugstation laufen.


Dabei geht es mal über Treppen, mal über eine Hängebrücke und mal sogar ein kurzes Stück mit dem ATV weiter, also einem Quad samt Chauffeur. Diese Abwechslung macht den Parcours absolut kurzweilig. Oder wie es die Kollegin formuliert: „Gerade hab‘ ich noch auf der Plattform gestanden und versucht, den Blick nicht allzu lange nach unten zu richten, schon stapf‘ ich wenige Minuten später wieder durch die trockene Kakteenlandschaft zur nächsten Startstation. Cool!“

Mit der Zeit werden alle souveräner, die Bremsbereitschaft geringer. „Lass laufen!“, hör ich jemand rufen. Gehört, getan! Bei einer kanadischen Familie jedoch reicht dieser Wille nicht, weil letztlich das Gewicht nicht reicht, um – eine Mutter fährt mit ihren beiden mittelgroßen Kindern im Dreierpack – bis ganz zum Ende der Bahn zu gelangen. Was ist passiert? Haben Sie bei der Einweisung nicht gut aufgepasst? Jedenfalls geht dem Trio rund zehn Meter vor der rettenden Plattform der Saft aus und die Drei kommen zum Stehen, schlimmer noch: Aufgrund physikalischer Gesetze rutschen sie am Seil wieder etwas zurück.
Zu leicht? Rettung naht!
Klar, dass das angesichts des gähnenden Abgrunds nicht unbedingt zu Hurra-Schreien führt, sondern eher zu leichter Panik. Doch Rettung naht: Einer der Parkmitarbeiter klinkt sich flugs ins Seil und kommt ihnen entgegen, um die Drei abzuschleppen. Gut gemacht!

Ja, und dann nach fünf weiteren Flügen, mal alleine, mal zu zweit, kommt die letzte, die finale, die achte Line. Passender Name: „Gr8 Eight“. Sie misst 815 Meter und ermöglicht angeblich Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 75 km/h. Diesmal ist man wieder allein unterwegs. Also los. Mit einem lauten Juhu sause ich los. Der Wind drückt ins Gesicht, der Canyon rast unter mir vorbei. Das Seil surrt, die Plattform am anderen Ende kommt erst schnell (zu schnell?) näher, doch dank ein wenig „shaky shaky, breaky breaky“ werde ich langsamer, bis ich sanft am Pdest einschwebe, Füße auf dem Boden, Grinsen im Gesicht. Was für ein Vergnügen!


Klar, man könnte jetzt sagen: Schön war’s, lass uns im Parkcafé ein Getränk zu uns nehmen. Doch eine Stimme in mir sagt: Warum nicht den Tagespass weiter ausnutzen? Da sagt eine Stimme aus der Gruppe: „Also ich geh jetzt zum Bungee springen.“ Klar, dass es da rasch weitere Zustimmung gibt. Kaum eine halbe Stunde später springe auch ich von einer über dem Canyon schwebenden Gondel in die Tiefe, Mamma Mia.





Gut zu wissen: Insbesondere in puncto Ziplining kann Mexiko sogar noch eine Nummer größer. Dafür muss man von der Südspitze der Baja California ans „Festland“ (was mit einem Flieger in etwa einer Stunde gemeistert ist) und von Los Mochis mit dem grandiosen El-Chepe-Zug hinauf bis zur Barranca del Cobre.
Ab in die Kupferschlucht
Gut zu wissen: Die „Kupferschlucht“ ist nicht ein einzelner Canyon, sondern ein ganzes Schluchtensystem, das aus mehreren, bis zu 1.900 Meter tiefen Schluchten besteht und in seiner Gesamtheit gar viermal größer ist als der Grand Canyon in den USA, wow! Aufgrund verschiedener Messkriterien ist ein genauer Vergleich zwar schwierig, aber eines kann man sagen: Die Barranca del Cobre hat wahrlich riesige Ausmaße.

Schon der Blick vom Ort Divisadero, wo der Chepe standardmäßig hält, ist gewaltig: Weit und tief ziehen sich die Schluchten durch die Sierra Tarahumara, ihre Wände sind keineswegs nur kahl und braun, sondern an vielen Stellen überraschend grün. Wir blicken nicht einfach in einen Canyon, sondern in eine riesige, zerklüftete Gebirgslandschaft.



Unter einem 350 Meter Nichts
Genau hier am oberen Rand befindet sich der Startbereich des Parque de Aventura Barrancas del Cobre. Auch hier warten unterschiedliche Attraktionen, vom Hochseilgarten bis zum Klettern an der Steilwand. Im Zentrum aber steht auch hier ein Zipline-Parcours. Der besteht zwar „nur“ aus sieben Lines, doch die führen über eine noch längere Strecke – insgesamt kommen fast fünf Kilometer zusammen – und vor allem fliegt man noch höher über dem Talboden, bis zu 350 Meter hoch!

Alles in der Barranca del Cobre ist noch einen Ticken extremer. Das Rollensystem: etwas kleiner (was kurz für etwas Extrapuls sorgt). Die Geschwindigkeiten: höher (nämlich bis an die 100 km/h). Und insbesondere der letzte Akt ist länger: 1.115 Meter misst die finale Strecke.



Wahnsinn, so durch die Lüfte zu segeln und dabei einen grandiosen Rundblick zu genießen. Und während wir auch hier zwischen den einzelnen Stationen immer wieder laufen müssen, teils über leicht wackelnde India-Jones-Hängebrücken, teils zu Fuß durch die Botanik, geht es am Ende mit einer Großraumgondel entspannt zurück zum Start.

Dort könnte man noch eins draufsetzen, mit dem „ZipRider.“ Der ist nicht Teil des Sieben-Lines-Parcours, sondern eine eigene Attraktion, die auf der anderen Seite der Bergstation ihren Anfang nimmt. Sagenhafte 2.554 Meter misst das Kabel. Mehr als zweieinhalb Kilometer und rund 440 Höhenmeter geht es da ohne Unterbrechung abwärts (mit bis zu 135 hm/h), wobei man hier in einer aufwendigeren Sitzkonstruktion hockt. Klingt klasse, heben wir uns aber auf fürs nächste Mal.

Wobei sich fürs nächste Mal durchaus noch weitere Alternativen anbieten in Mexiko. So wartet an der Riviera Maya etwa mit „Xplor“ ein riesiger Abenteuerpark, bei dem sich gleich 14 Ziplines auf zwei Sieben-Lines-Parcours verteilen. Die höchste liegt 45 Meter über dem Boden, am Ende geht es sogar bis in einen Cenote hinunter.

Plus: In Puerto Vallarta führen zahlreiche Ziplines durch die üppig grüne Sierra Madre. Und in Xel-Há an der Karibikküste bei Playa del Carmen taucht man am Ende eines sechsfachen Zipline-Parcours tatsächlich im Wasser ein – ein erfrischendes Finale einer rasanten Fahrt. Dafür gibt es hier keine tiefen Schluchten, die überflogen werden.
In Los Cabos lässt sich noch vieles mehr erleben. Was genau? Hier erfahrt ihr es! Und andere Abenteuer in Nordamerika haben wir auch für euch. Wie wär‘ es mit einer Paddeltour auf dem Yukon? Einem Roadtrip durch Minnesota?
Ziplining in Mexiko
Infos Los Cabos & Co.
Wild Canyon Adventures, Los Cabos Tourism Board
Parque Barrancas del Cobre

