Das TWA-Terminal am JFK ist ein Portal in die goldene Ära des Fliegens. Jahrzehnte stillgelegt, erwachte Eero Saarinens futuristische Ikone 2019 als Hotel zu neuem Leben. Wer eintritt, landet in einer Zeit, in der Reisen noch Herzklopfen bedeutete
Wenn es so etwas wie „Love at first flight“ gibt, dann ist TWA meine erste große Liebe. Ich war sechs Jahre alt: Transatlantikflug-Premiere, ein Fensterplatz und die Frage, ob ich dem Captain im Cockpit Hallo sagen wolle?
Aufgeregt brachte ich kein Wort heraus – aber die blinkenden Knöpfe, der lächelnde Pilot und die knallroten Anzüge der Stewardessen brannten sich in meinem Gedächtnis ein. In den frühen 1980ern – pre-9/11 – war Fliegen zugänglicher und die charmante TWA galt als Service-Koryphäe der amerikanischen Luftfahrt.

Als ich die drei roten Buchstaben des legendären TWA-Logos knapp vier Dekaden später am John F. Kennedy Airport (JFK) zum ersten Mal wiedersehe, schwappt eine nostalgische Welle über mich. Seit meinem ersten Langstreckenflug ist viel passiert: TWA blieb mein größtes Kindheitserlebnis, nach Finanzproblemen und einer Absturztragödie wurde die Fluggesellschaft aber 2001 eingestellt.
Goodbye TWA, Hello TWA Hotel
Der Name „Trans World Airlines“ verschwand in den Annalen der Flughistorie, ebenso wie das 1962 von Eero Saarinen entworfene futuristische TWA Flight Center am New Yorker JFK. Es stand jahrelang leer – bis es 2019 nach langer Renovierung als Hotel wiedereröffnet wurde.

Das Ergebnis – eine Mischung aus Zeitkapsel, Kunstwerk und Serviceparadies – beschleunigt nicht nur bei Aero-Fans den Puls. „Es ist es ein emotionales Portal in eine vergangene Ära, in der Fliegen als seltenes, besonderes Ereignis galt“, erklärt Anne Marie Lubrano.
Als Fliegen noch ein luxuröses Event war
Was heute oft als lästige Zeitverschwendung angesehen wird, war damals ein Event, ein Luxus, den man in vollen Zügen genoss. „Wir wollten diese gediegene Atmosphäre erneut aufleben lassen“, sagt sie über ihr Büro Lubrano Ciavarra Architects, das am Umbau beteiligt war.

Und beim Eintritt in die Retro-Welt kehrt jenes kindliche Staunen meines ersten Cockpit-Besuches fast magisch zurück. Im Zeitalter enger Gänge, uninspirierter Fast-Food-Ketten und strategisch kompakten (und rappelvollen) Wartebereichen, fühlt sich die TWA-Anlage einzigartig monumental an.
Die Struktur des TWA-Gebäudes lässt staunen
Eine geballte Ladung „Mad Men“-Charme flirrt durch die kitschfreie 1960er-Ästhetik, gepaart mit einer kinematographischen Erhabenheit. Berühmt wurde das Flughafengebäude nicht umsonst Anfang der 2000er durch Steven Spielbergs „Catch Me If You Can“.

Mit fast schlafwandlerischer Langsamkeit erkunden Besucher um mich herum großzügig angelegte Treppenaufgänge und Balustraden, verschwinden in versteckten Sitz-Nischen oder versuchen die in Rot getünchte Weite der Hauptstruktur mit der Handykamera einzufangen.
Mir geht es ähnlich: Dieser Mix aus futuristisch und retro, überdreht und bodenständig, kunstfertig und schlicht, lässt mich mit offenem Mund langsam und ziellos durch die Halle streifen.
Howard Hughes brachte TWA noch mehr Glamour
Die Dramaturgie des flügelartigen Gebäudes mit überdimensionaler Fensterfront ergibt vor allem Sinn, sobald man weiß, von wem sie in Auftrag gegeben wurde: Howard Hughes.

Der leidenschaftliche Luftfahrtenthusiast, Pilot und Innovator hatte mit seinen Flugzeugen bereits mehrere Weltrekorde aufgestellt, als er 1939 eine Mehrheitsbeteiligung an Trans World Airlines erwarb.
„Eine Kathedrale der Luftfahrt“
Steinreich und exzentrisch, wollte er am damaligen Idlewild Airport, dem späteren JFK, für TWA „eine Kathedrale der Luftfahrt“ bauen – Geld spielte keine Rolle.

In Eero Saarinen fand Hughes einen Kreativen, der seine luftigen Visionen elegant umsetzten konnte. Der finnisch-amerikanische Architekt, der unter anderem das 192 Meter hohe Gateway Arch in St. Louis, Missouri, geschaffen hatte, begann 1959 mit dem Entwurf.
Ein Exzentriker, ein Visionär, ein Budget ohne Boden
Und der Entwurf wurde mit jeder neuen Version imposanter und teurer: Die Baukosten rauschten von neun Millionen auf 15 Millionen Dollar – was heute umgerechnet gut 130 Millionen Dollar entspricht.

Hughes wollte ein Statement. Saarinen lieferte. Wenn auch mit immensem Aufwand. Allein für das 6000 Quadratmeter große doppelschildkrötenförmige Betondach musste 30 Stunden lang Beton gegossen werden.
„Chili Pepper Red“: Eine eigene Farbe für TWA
Ohne gerade Linien konzipiert, sollte die neofuturistische Struktur des Gebäudes ein Gefühl des Fliegens hervorrufen. Jeder Winkel war perfekt inszeniert: vor allem die riesigen, schrägen Fenster des Flight Centers, die den Blick auf Rollbahn und Himmel freigaben.

Als Herzstück des Terminals war die versunkene Lounge vor der Glasfront als Mischung aus Treffpunkt und Unterhaltung gedacht. Hier sollten Reisende das Starten und Landen wie auf einer „Bühne“ präsentiert bekommen – natürlich mit einem Martini in der Hand. Für den meterlange Teppich entwarf Saarinen eigens die Farbe „Chili Pepper Red“, die sich heute in allen Akzenten findet.

Die Fertigstellung seines Meisterwerks erlebte Saarinen (Foto: Balthazar Korab Archive, Library of Congress) nicht mehr. Der Architekt starb 1961 während einer Gehirntumor-Operation. Er wurde 51 Jahre alt.
Auch Hughes war bei der Eröffnung nicht anwesend. Der Tycoon hatte zu dieser Zeit bereits wegen finanziellen Problemen die Mehrheitsbeteiligung an TWA verloren und gab wenig später alle Anteile an der Airline ab.
Vor allem aber hatte er sich nach einem fast tödlichen Flugzeugabsturz zunehmend zurückgezogen und trat nur noch selten bei öffentlichen Veranstaltungen in Erscheinung.
Das TWA-Terminal wurde ein Jahr nach Saarinens Tod eröffnet – und war vom ersten Tag an veraltet. Weder Saarinen noch Hughes hatten die Veränderungen kommen sehen, die der Luftverkehr binnen weniger Jahre durchlaufen würde.
Plötzlich beherrschten Giganten die den Flugraum
Zu jener Zeit, als die größten Constellation-Turboprops kaum mehr als 105 Passagiere fassten, entwarf Saarinen ein Terminal für eine Reisewelt, die gerade dabei war, sich selbst zu überholen. Während in seinem Kopf elegante Propellermaschinen dominierten, rollte wenig später die 747 aufs Feld – ein metallener Gigant, der bis zu 660 Menschen tragen konnte.

Der Architekt hatte zuvor akribisch studiert, wie sich Reisende durch Terminals bewegen. Mit Notizblock und Stoppuhr lief er Wege ab, zerlegte den Strom der Menschen in kleine Abläufe und suchte im Flugchaos nach klaren Linien.
Aus dieser Besessenheit entstanden zwei heute selbstverständliche Innovationen: die Fluggastbrücke, die Passagiere effizient vom Check-in zum Flugzeug leitet, und ein automatisiertes Gepäckkarussell, das die Rückgabe des Gepäcks beschleunigen soll.
Der Großraumjet ruinierte Saarinens Konzept
Saarinens große Fehlkalkulation: Der Großraumjet überforderte seine präzisen Systeme in kürzester Zeit. Das Karussell war auf wenige Koffer ausgelegt und viel zu klein für die neuen Gepäck-Fluten. Zwischen 1955 und 1962 schossen die Passagierzahlen am Kennedy Airport von 3,5 auf 11,5 Millionen.

Heute fliegen hier jährlich rund 56 Millionen Passagiere ab. Im Jahr 2002 waren es noch rund 30 Millionen – zu diesem Zeitpunkt war TWA aber längst Geschichte und Saarinens Terminal schlummerte bereits im tiefen Dornröschenschlaf.
Die Vision Saarinens ist geblieben
Zu neuem Leben erweckte ihn das Büro Beyer Blinder Belle: Die sorgfältige Renovierung des mehr als 18.000 Quadratmetern großen denkmalgeschützten Gebäudes kostete rund 265 Millionen Dollar. Weil Saarinen das Flight Center einst als geschlossenes Gesamtkunstwerk entworfen hatte, orientierte man sich beim Umbau eng an seiner Vision.



Die Lobby folgt wieder der ursprünglichen Dramaturgie, sogar die alten Check-in-Schalter durften bleiben. Ein Museum zum Thema Jet-Zeitalter mit Vintage-Uniformen lässt die damalige Eleganz der Flugbegleiter aufleben.
Zwei weitere Flügel für das TWA Hotel
Lubrano Ciavarra Architects ergänzten den Terminal mit zwei neuen, geschwungenen Hotelflügeln, die wie schicke Ausläufer an das historische Terminal andocken.

Knapp die Hälfte der 512 Zimmer bieten freien Blick aufs Rollfeld – für Flugzeugfans ein wahres Disneyland: Am Abend in Saarinens Womb Chair zu sitzen und den Maschinen beim Starten und Landen zuzusehen, ist besser als jedes IMAX-Erlebnis.
Um die Idylle nicht durch Triebwerklärm zu zerschneiden, dämmen zwölf Zentimeter dicke schalldichte Fenster die Motoren.

Die Zimmer im Mid-Century-Design sind hell und funktional mit Retro-Reisepostern, Saarinens Tulip Table, neu verkabeltem Vintage-Wählscheibentelefon und jeder Menge niedlichem Kleinkram mit dem legendären Logo – ich gestehe, dass ich mich für die nächsten Jahre mit roten TWA-Bleistiften eingedeckt habe.
Connie ist die Beste
Stonehill Taylor konzipierte auch die öffentlichen Bereiche sowie die mit Abstand charmanteste Hommage des ganzen Projekts: die Connie Cocktail Lounge – eine Bar in einer originalen Lockheed Constellation L-1649A. Baujahr 1958 ist es jener Flugzeugtyp, der TWA in den Fünfzigern prägte. Und die gute Connie, die hinter dem Saarinen-Gebäude auf ihrer eigenen kleinen Landbahn wartet, hat ein bewegtes Leben hinter sich.

Zunächst als Buschflugzeug in Alaska für den Transport von Vorräten nach Prudhoe Bay im Einsatz, diente sie nach ihrer TWA-Ausmusterung zum Marihuana-Transport.
Heute ist Connie wenig skandalös, dafür aber cool: vollständig restauriert, bietet sie 75 durstigen „Passagieren“ Platz, ist mit Wandmalereien des Künstlers Mario Zamparelli verschönt und gibt den Blick auf das ursprüngliche dunkelgrüne Cockpit frei.
Connie ist cool, aber nicht wirklich bequem
Was sie auch ermöglicht: ein echtes Gefühl für den Flugkomfort von damals. Der ist nämlich eher bescheiden. Die Sitze sind schmal und eng – lange Beine wurden in den 1960ern offensichtlich bestraft. Mike am gegenüberliegenden Fensterplatz muss sich geradezu origamihaft in den helbraunen Lederstuhl falten, bequem ist anders.



„Egal, für einen Drink ist das ok“, sagt der Tech-Manager aus Seattle, der von Terminal 1 mit dem Airtrain rübergefahren ist. „Ist doch viel origineller als meinen vierstündigen Zwischenstopp in einem stinknormalen Pub abzusitzen.“
TWA versprüht überall „Mad Men“-Flair
An Connies Cocktailbar mixt stattdessen Chris einen „Mile-High Margarita“ oder noch besser einen „Vodka is My Co-Pilot“. Durstig bleibt man in der TWA-Anlage garantiert nicht, „Mad Men“-Style. Mit acht Bars und sechs Restaurants – darunter das „Paris Café“ und die „Lisbon Lounge“ von Jean-Georges – findet sich immer geübte Mixologists, die den Charme der 1960er lässig ins Glas zaubern.

Mein „Aero Dynamics“, eine aromatische Version des „Old Fashioned“, geht in der „Sunken Lounge“ dementsprechend aerodynamisch runter. Sinatra singt dazu auf Repeat. Neue „Ankunfts- und Abflugszeiten“ tickern im Hintergrund über die klassische italienische Solari-Anzeigetafel.
TWA: Knallrot, aber beruhigend
Es ist einfach, im entspannten Vibe zu vergessen, dass man sich eigentlich an einem stressigen Flughafen befindet, selbst wenn der Verbindungsgang zum JetBlue-Terminal 5 direkt an der „Sunken Lounge“ vorbei geht. Die Zeit verfliegt hier irgendwie langsamer.


Die moderne Seite des TWA Hotels
Die Hommage an das goldene Zeitalter des Flugverkehrs schwelgt dabei nicht nur im Midcentury-Modernismus einer oft glorifizierten Vergangenheit. Als einziges Hotel am JFK, das sich zu Fuß oder mit dem Airtrain erreichen lässt, wartet das TWA auch mit modernen Bequemlichkeiten.
Und wer Zeit für einen Abstecher nach New York City hat, erreicht mit der Long Island Rail Road (LIRR) ab Jamaica Station in 20 Minuten die Penn Station.

Auf Fitnessfans wartet im Untergeschoss auf 10.000 Quadratmetern ein wahres Sport-Wunderland aus 14 Peloton-Fahrrädern, zwölf Laufbändern, zehn Crosstrainern und diversen Kraft- und Cardiogeräten. Mir ist das zu anstrengend – Ausruhen ist effektiver zur Vorbereitung auf die nächste Reise. Und die schönste Art der Entspannung finden Flugzeugfans ohnehin auf dem Dach.


Der langgestreckte Pool ist eine der ungewöhnlichsten „Aussichtsplattformen“, die ich kenne: Im beheizten Wasser zu sitzen, und mit einem „Paper Plane“ den Maschinen beim Starten und Landen zuzusehen, ist surreal. Dass dabei hinter mir die Sonne über der Skyline von Manhattan untergeht, hätte sich der Dramatik liebende Howard Hughes nicht besser ausdenken können.
New York hat so viel zu bieten! Zum Beispiel spannende Streetart, aufregend-scharfe, schicke Restaurants und coole Hotels wie das Moxy.
TWA Hotel
INFO TWA HOTEL
Als einziges Hotel an JFK ist TWA nicht günstig – der Preis zwischen 300 und 400 US-Dollar pro Nacht (am Wochenende/an Feiertagen höher) ist knackig. Die Option, für eine Übernachtung Richtung Manhattan zu fahren, ist aber nicht günstiger.
Wer tagsüber einen ultra-langen Zwischenstopp hat und sich ausruhen möchte, kann auch am frühen Morgen einchecken. Der Daytripper Stay ist für 179 $ von 6 bis 20 Uhr buchbar.
Vorsicht: Der Rooftop-Pool kostet extra. Selbst für Hotelgäste ist die Nutzung des Pools in der Hochsaison ab 10:45 Uhr kostenpflichtig (25 $ für Erwachsene, 10 $ für Kinder) – nur von 7:00 bis 10:45 Uhr fällt keine Gebühr an. Zwischen dem 1. November und dem 1. Mai ist die Nutzung für Hotelgäste kostenlos.
Manuela Imre

